Als Erster am Tatort 

Anwohner in Hanau hörte Schüsse: „Ich bin gleich hierhergelaufen“

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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  • Peter Hanack
    Peter Hanack
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In Hanau kommt es zu einem mutmaßlichen rechtsextremistischen Terroranschlag. Dabei sterben elf Menschen, darunter der Täter. Anwohner erzählen, wie sie die Tat wahrgenommen haben.

Update vom 20. Februar 2020, 12.52 Uhr: „Das waren unsere Jungs. Eine Katastrophe. Unfassbar“, sagt Kemal Kocak mit Tränen in den müden Augen. Er habe sich so eine grausame Tat nicht vorstellen können. Jetzt ist sie bittere Realität. Kocak steht nach einer schlaflosen Nacht mit ein paar anderen Männern vor seinem Kiosk in der Hanauer Innenstadt. Sie trinken Kaffee und rauchen, ringen um Fassung. 

Kocak betreibt noch einen Kiosk in der Weststadt, der an eine Bar und ein Café angeschlossen ist. Kurz nachdem Tobias R. dort am Mittwochabend gemordet hatte und weggefahren war, kam der Besitzer dort an, fast zeitgleich mit der Polizei, so Kocak. Sechs junge Menschen, lagen dort, blutüberströmt. Kocak kannte sie, hat zu einigen der Eltern seit vielen Jahren ein enges Verhältnis. Die jungen Männer mit Wurzeln im Ausland, etwa in der Türkei und Bosnien, haben alle nicht überlebt. Die Rettungskräfte, die einige Minuten später eingetroffen sein sollen, konnten sie nicht mehr retten. Die Familien seien geschockt und in tiefer Trauer.

Hanau: Kioskbesitzer beobachtet schon länger aufgeheizte Stimmung - „Es ist schlimmer geworden“

Am Donnerstagmorgen ist bereits bekannt, dass der Täter offenbar aus rechtsradikalen Motiven handelte. Kocak und die anderen Männer sind entsetzt. Sie beobachten schon seit längerem eine aufgeheizte Stimmung und „Hetze gegen Migranten“. „Das läuft schon seit Jahren und ist schlimmer geworden“, sagt einer. Gleichzeitig werden Zweifel daran laut, dass es ein Einzeltäter gewesen sein soll: Konnte ein Mann tatsächlich kurz nacheinander an mehreren Orten so viele Menschen töten?

Kocaks Kiosk im Zentrum liegt nur wenige Schritte von den Tatorten am Heumarkt, zwei Shisha-Bars, entfernt. Sie sind weiträumig abgesperrt, werden von Polizisten mit Maschinenpistolen bewacht, während Mitarbeiter der Spurensicherung in weißen Schutzanzügen Spuren sichern und fotografieren. Schräg gegenüber betreibt Kadir Köse eine Bar. Als er am Abend die ersten Schüsse hörte, fand dort gerade ein Dart-Ligaspiel statt. Köse schaute raus und sah einen Mann, der einen schwarzen Pullover und eine Kapuze trug, erzählt er. Ein Toter soll auf der Straße gelegen haben. Der Barbesitzer ging schnell wieder rein. „Ich hörte aus der Ferne weitere Schüsse und hatte Angst, dass er auch auf uns schießen könnte.“ Zuerst kam nur ein Polizeiwagen, der danach Verstärkung anforderte. Köse beendete das Spiel in seinem Lokal und schloss die Tür. Auch der Deutschtürke Köse beobachtet, dass in den vergangenen Jahren in Deutschland einiges hochgekocht sei und die AfD Zustimmung finde. Manchmal höre er ausländerfeindliche Sprüche. Aber dass so etwas passiert, „ist nicht zu fassen“.

Terrorverdacht in Hanau: Anwohner hörte Schüsse: „Ich bin gleich hierhergelaufen“

Erstmeldung vom 20. Februar 2020: Hanau - Sercan war als einer der ersten am Tatort, dem 24-Stunden-Kiosk in der Hanauer Weststadt. „Ich wohne hier gleich um die Ecke, habe drei Schüsse gehört, und dann noch weitere“, erzählt der 20-Jährige. 

Schüsse in Hanau: Anwohner noch vor Polizei vor Ort: „Ich bin gleich hierhergelaufen“

„Ich bin gleich hierhergelaufen, Polizei und Notarzt waren noch nicht da, da habe ich Görkhan tot im Laden liegen sehen, der dort gearbeitet hat, und noch einen Toten, und da waren auch Verletzte“, berichtet er. Vor Kälte und vielleicht auch vor Aufregung zitternd, steht er am Rand der Absperrungen, die die Polizei großräumig um den Kiosk gezogen hat. Auch das rot-weiße Absperrband zittert im kalten Wind. 

Noch gestern, sagt er, war er hier einkaufen. „Die Leute, die hier immer sind, die kenne ich alle, ich kenne hier ziemlich viele“, sagt Sercan. „Ich hätte auch hier sein können, als das passiert ist.“

Terrorverdacht in Hanau: Schule und Läden im Umkreis bleiben geschlossen

Der Kiosk liegt im Erdgeschoss eines der Hochhäuser, die für die Weststadt prägend sind. 60er-Jahre-Bauten, viele etwas heruntergekommen. Gleich neben dem Kiosk liegt der Friseursalon Simon, der an diesem Morgen genauso geschlossen bleibt wie das Nagelstudio im Stockwerk darüber. Der Lidl-Markt ist neu, soll am 2. März öffnen. Gleich nebenan liegt die Heinrich-Heine-Schule verlassen, die Fenster dunkel, der Schulhof leer. Am Tor flattert ein weißes DIN-A-4-Blatt im Wind, „Die Schule bleibt HEUTE geschlossen“, steht darauf. Direkt neben der Schule stehen einige Bungalows, daneben die Reihenhäuser. In einem davon lebte der Täter. Absperrungen und Einsatzfahrzeuge auch an der Wohnung des Täters, keine 500 Meter vom zweiten Tatort in der Hanauer Weststadt entfernt. 

Schüsse in Hanau: Spuren des Polizeieinsatzes noch sichtbar

Die Helmholtzstraße ist 30er-Zone, ein weißes Schild weist den Weg zum evangelischen Gemeindezentrum. An dem rosafarbenen Reihenmittelhaus sind die grauen Kunststoffläden heruntergelassen, ein schmiedeeisernes Gitter versperrt den Zugang zur Terrassentür. Auf dem unbefestigten Gehsteig entlang des Gartenzauns sind noch die Reifenspuren der Einsatzfahrzeuge zu sehen, mit denen die Beamten anrückten, die das Gebäude in der Nacht stürmten. Auf der schmalen Zufahrt vor der Haustür haben die Polizisten ein blaues Zelt aufgeschlagen, Beamte in Uniform und Zivil gehen ein und aus.

Terrorverdacht in Hanau: Anwohner bekamen nichts vom Trubel mit

Die Nachbarn in Hausnummer 15 wohnen erst seit zwei Wochen hier. Von dem nächtlichen Einsatz hätten sie nichts mitbekommen, erzählt einer der Bewohner. Er wirkt ob des Trubels vor seiner Tür etwas verstört, verfolgt das Geschehen mit der Zigarette in der Hand. Eine Nachbarin gegenüber hat die Gardinen zurückgezogen und betrachtet den Schauplatz durch das geschlossene Fenster.

In der nahen Sachsenhäuser Feinbäckerei gibt es an diesem Morgen keine frischen Brötchen und auch keine „Bild“-Zeitung. Wegen der großräumigen Absperrung in der Nacht gab es keine Anlieferung. „Ich bin so gegen 23 Uhr aufgeschreckt, war schon etwas eingedöst, als mich der Hubschrauber geweckt hat, der hier gekreist ist“, erzählt die Bedienung. „Vom Balkon aus habe ich dann die Polizisten gesehen und einen Notarztwagen mit Blaulicht“, erzählt sie. Noch in der Nacht hat sie dann ihr Sohn aus Frankfurt angerufen und gefragt, ob sie alle gesund seien.

Von Peter Hanack und Gregor Haschnik

Wegen der Taten in Hanau sagte derweil die Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Termine ab.

Lesen Sie hier den Leitartikel der FR zum Terror in Hanau. 

Rubriklistenbild: © Boris Roessler/dpa

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