Nach Schüssen in Hanau - Gedenken
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Mit Plakaten nehmen Demonstranten und Demonstrantinnen in Hanau Stellung gegen Rechts.

Gastbeitrag

Hanau: Stellungnahme der Zivilgesellschaft gefordert

  • vonHorst Rühl
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Der rechtsextreme Anschlag in Hanau erfordert eine klare Stellungnahme der Zivilgesellschaft, kommentiert Horst Rühl von der Diakonie Hessen.

Nach dem rechtsextremen Anschlag sitze ich in der Hanauer Marienkirche. Sie ist ein offener Ort für alle, die gar nicht wissen, wohin mit den Gefühlen. Wohin mit dem Entsetzen, der Trauer, der Wut und der Scham.

Von 1984 bis 2007 war ich Pfarrer der Marienkirchengemeinde. Die Jahre bis 2018 war ich in leitenden Funktionen der Diakonie unterwegs in Hessen. Seit drei Jahren ist Hanau wieder das Zuhause für meine Frau, Inge, und mich. Sehr bewusst sind wir wieder hierhergezogen. Die städtisch offene Atmosphäre, die multikulturelle Herausforderung dieser Stadtgesellschaft, die fast kleinste Großstadt Hessens mit ihrer herzlichen Willkommenskultur, die breiten Möglichkeiten unterschiedlichster kultureller Begegnungen und die persönlichen Kontakte hatten uns bewogen, Hanau als unsere Heimat auszusuchen, ganz bewusst. Aber heute tut das weh. Mich befällt eine große Scham. Ein Hanauer aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft ermordet gezielt junge Hanauerinnen und Hanauer, die ihm auf Grund seiner rechten Gesinnung und paranoider Verschwörungstheorien buchstäblich im Wege sind.

Ja, das Entsetzen ist groß! Mit Mühe versuche ich, mich in das Leid der Familien hineinzuversetzen, und denke an meine eigenen Kinder, die hier in Hanau aufgewachsen sind. Dieser Gedanke lässt mich die Tiefe der willkürlichen Bedrohung empfinden, die diese jungen Leute mit der vollen Wucht der tödlichen Gewalt getroffen hat. Ich erschrecke vor der Tat, die auch andere, die auch mich und meine Familie hätte treffen können. Das lässt mich die Ohnmacht vorsichtig nachempfinden, in die jetzt die Familien der Opfer gestürzt wurden. Das lässt mich bestürzt und traurig zurück.

Zugleich ergreift mich eine große Scham. Ein Bürger meiner Stadt hat diesen Anschlag auf das Leben anderer Hanauerinnen und Hanauer durchgeführt. In meiner Stadt war ein solches Denken und Handeln möglich.

Diakonie Hessen | Horst Rühl

Er war wohl ein Einzeltäter. War er das wirklich? Ist es nicht vielmehr so, dass seine Tat auch auf dem Boden der vielen rassistischen Äußerungen, die sich verdeckt und anonym im Netz, aber auch auf offener Straße finden, gewachsen ist? „Das muss man doch mal sagen dürfen!“, enden viele grenzwertige und auch grenzüberschreitende Kommentare. „Das gehört zur Meinungsfreiheit!“, sagen sie. Nein, diese Freiheit endet immer da, wo Leben, Sicherheit und Wohlergehen anderer Menschen infrage gestellt wird. Diese Freiheit endet immer an den Grundlagen unserer Verfassung, die eben nicht nur die Würde des Deutschen schützt, sondern die Würde aller Menschen.

Dieser feige, wahnsinnige Mord, dessen Konsequenzen sich der Täter durch Selbsttötung entzogen hat, darf uns nicht zum beschämten Schweigen bringen, sondern fordert gerade unsere Solidarität mit den Opfern und deren Familien. Er fordert uns zu klarer zivilgesellschaftlicher Stellungnahme.

Im vergangenen Jahr habe ich viele Menschen durch die Gruft dieser Kirche geführt. Hier liegt der Neustadtgründer, Graf Philip-Ludwig II, bestattet. Seiner Offenheit und Toleranz ist es zu verdanken, dass Hanau durch den Zuzug der Glaubensflüchtlinge an der Schwelle zum 17. Jahrhundert zu dem werden konnte, was es immer noch ist, eine offene, tolerante, lebensbejahende Stadt, deren Gesellschaft in der Lage ist, allen Menschen mit dem nötigen Respekt zu begegnen, Menschen nicht nur zu tolerieren, sondern sie zu integrieren. Auch heute wird unsere Gesellschaft nur reicher durch das Engagement derer, die uns eben noch fremd sind. Sie gewinnt auch durch die Menschen, die uns in gestochenem oder gebrochenem Deutsch erklären können, was Hanau für sie ist: Heimat.

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