In Hanau bringen Bürger mit Blumen, Plakaten und Kerzen ihre Trauer zum Ausdruck.  
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In Hanau bringen Bürger mit Blumen, Plakaten und Kerzen ihre Trauer zum Ausdruck.  

Blick nach Hanau

Hanau: Rechte Tendenzen

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Multikulti ist für viele selbstverständlich und wird gelebt. Rassismus ist aber auch in Hanau verbreitet.

Jeder zweite Hanauer hat einen sogenannten Migrationshintergrund, 140 Nationen sind vertreten. Multikulti ist für viele selbstverständlich und wird gelebt. Auf der Straße, in Vereinen oder sozialen Bündnissen wie „Solidarität statt Spaltung“, wo sich Menschen, die seit Generationen hier wohnen, und Geflüchtete engagieren. Und Hanau ist stolz auf seine Migrationsgeschichte: Bereits im 16. Jahrhundert prägten Glaubensflüchtlinge aus Frankreich und den Niederlanden die Stadt.

Doch gleichzeitig gibt es rechte und rechtsextreme Tendenzen. Das zeigt schon der Blick auf Wahlergebnisse: So kam die AfD bei der Landtagswahl 2018 auf 16,2 Prozent der Stimmen und lag damit über dem Landesschnitt (13,1). Im Stadtteil Lamboy-Tümpelgarten lag sie, wie in mehreren Bezirken, vorne (21,4 Prozent).

Bei der Kommunalwahl 2016 wurde die SPD mit 37,1 Prozent wieder mit Abstand stärkste Kraft. Aber die „Republikaner“ (REP) um Fraktionschef Bert-Rüdiger Förster, der im Kreistag mit der rechtsextremen NPD kooperiert, erzielten fast zehn Prozent.

OB Claus Kaminsky (SPD), der für sein besonnenes Handeln nach dem Terroranschlag viel Lob erhält, verlieh Förster 2019 auf Vorschlag eines Bürgers den Landesehrenbrief, obwohl der REP-Landeschef oft durch rassistische Hetze auffiel. Kaminsky wies Vorwürfe ebenso wie Förster zurück: Er lehne dessen Ansichten ab und rüge sie, sagte Kaminsky. Förster sei für sein ehrenamtliches Engagement, etwa im Verein, geehrt worden. Allerdings war die kommunalpolitische Tätigkeit in der offiziellen städtischen Mitteilung umfangreich erwähnt worden.

Rechte Fake-News

Als die FR den OB kürzlich fragte, ob er Förster wieder ehren würde, verwies er auf frühere Stellungnahmen und fügte hinzu, wer Förster mit Nazis vergleiche, verharmlose das Problem. Förster verbreitete etwa rechte Fake-News und warb mit einem Flyer, auf dem stand: „Rettet unsere Mädchen und Frauen vor geilen Arabern und Dieben.“ Mehrere FR-Leser kritisieren Kaminsky jetzt erneut für die Verleihung. Wohl auch, weil die REPs in Hanau viele Stimmen bekommen, trat die AfD hier bei Kommunalwahlen nicht an. Das dürfte sich 2021 ändern. Die Partei ist mit „Infoständen“ und Veranstaltungen regelmäßig präsent. Sie weist den Vorwurf des Rechtsextremismus zurück. Wie „gemäßigt“ sie tatsächlich ist, zeigte sie etwa dadurch, dass sie 2019 Bundesvorstand Andreas Kalbitz einlud, der zum nationalistischen „Flügel“ zählt. Und nach den aktuellen Morden teilte die AfD Main-Kinzig auf Facebook einen Beitrag, in dem beklagt wird, dass 300 Dumme vor ein AfD-Büro liefen, „wenn ein unpolitischer Irrer 10 Menschen tötet“, aber niemand vor dem Kanzleramt stehe, wenn ein Mädchen „von 4 Migranten vergewaltigt wird“.

Beleidigt und bedroht

Selma Yilmaz Ilkhan, SPD-Stadtverordnete und Ausländerbeiratsvorsitzende, beobachtet, dass Alltagsrassismus zunehme, sowohl in Hanau als auch andernorts. Hanauer mit Wurzeln in anderen Ländern berichteten ihr häufig von Beleidigungen und Drohungen. Nach den Anschlägen lebten viele in Angst, sagt Yilmaz Ilkhan. Anfang der Woche schmierte jemand Hakenkreuze ans Klingelschild eines Barbesitzers mit ausländischem Namen sowie an die Eingangstür des Internationalen Bundes in Hanau, wo eine Solidaritätsbekundung für die Anschlagsopfer hing. Die Ditib-Moschee erhielt einen Brief, in dem steht: „Der deutsche Mann hat es Idioten wie euch gezeigt.“ Allah sei „so dumm“. Die Leichen würden „zu Hundefutter verarbeitet“.

Vor Weihnachten war Yilmaz Ilkhan selbst betroffen: Ein Passant sagte demnach, sie solle sich mit ihrem „scheiß Kopftuch“ in „ihr“ Land „verpissen“. Sonst knalle er ihr „eins in die Fresse“. Die Hanauerin rief die Polizei, die den Verdächtigen noch antraf, und zeigte ihn an. Die Ermittlungen seien eingestellt worden, weil der Mann wohnsitzlos und nicht zu ermitteln sei. Yilmaz Ilkhan sagt, sie werde die Einstellung nicht ohne Widerspruch hinnehmen. Nun erst recht nicht.

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