+
Das Jugendzentrum in Hanau-Kesselstadt ist für viele eine zweite Heimat. Auch viele der Ermordeten und Verletzten waren oft dort.

Rechter Terror

„Wir sind eins“: Aufruf zur Einigkeit nach dem Anschlag in Hanau

  • schließen

Ein Jugendzentrum in Hanau ist besonders vom Terror betroffen. Die Jugendlichen dort haben beschlossen, dem Anschlag auf ihre Gemeinschaft zu trotzen.

  • Trauer und Schock im JUZ „k.town“ in Hanau
  • Betroffene rufen nach dem Anschlag zu Einigkeit auf
  • Betroffene in den Mittelpunkt: „Sie dürfen nicht in Vergessenheit geraten“
Hanau - Es geht am Mittwochabend ausgelassen zu im „Midnight“: Süßlicher Shisha-Geruch zieht durch die dunkle Bar am Heumarkt, im Fernsehen läuft Champions League ohne Ton, dafür wird Musik gespielt. Das Lokal ist gut besucht, etwa 20 Leute sind da. Plötzlich sagt ein Jugendlicher: „Da draußen ballert jemand mit einer Knarre rum.“ Es hat geknallt. Doch auch Arjin Bicer, 24, die mit ihrer Schwester Liyan, 20, da ist, vermutet, dass es ein Böller war. Über die ruhig ausgesprochene Warnung können sie nicht nachdenken, denn schon steht Tobias R. in der Tür und eröffnet das Feuer. Erst ein Schuss, dann mehrere hintereinander.

Anschlag in Hanau: Auge in Auge mit dem rassistischen Terror

„Ich habe ihm in die Augen gesehen. Er hatte keine Mimik. Keine Gestik. Hat auf uns geschossen wie auf Gegenstände, wahllos. Er wollte nur töten“, erinnert sich Arjin. Sie wirft sich zu Boden und rettet sich mit Liyan und anderen, darunter die Bedienung, ins Lager. Dort ist bereits Sercan Ayhan, der einen Shisha-Schlauch wechseln wollte.

Gemeinsam stemmen sie sich gegen die Tür und wählen den Notruf. Aber es ist besetzt, wieder und wieder. „Wir haben am ganzen Körper gezittert“, sagt Liyan. „Wir wollten schreien, haben uns aber immer wieder gegenseitig darin bestärkt, still zu bleiben“, erzählt Sercan, 18. Außer Angst „haben wir nichts gespürt“, blickt Arjin zurück. Weil sie nicht wissen, ob sie getroffen wurden, tasten sie sich überall ab. Die Bar-Mitarbeiterin wird nach einem Asthma-Anfall bewusstlos.

Schockzustand nach dem Anschlag in Hanau

Irgendwann, nach quälend langen Minuten, kommen sie durch. Eine Beamtin teilt ihnen mit, die Polizei sei da. Sie sollen gegen die Tür klopfen, dann komme ein Polizist. Der meint, sie könnten durch die Hintertür in den Hof laufen. Sie gehen mit, trauen der Ansage jedoch kaum, fürchten weiter um ihr Leben.

Arjin und Liyan Bicer sowie Sercan Ayhan gehören zu den Überlebenden des rassistischen Terroranschlags. Nachdem die Hanauer den Heumarkt verlassen haben, „waren wir erleichtert, froh, es überstanden zu haben“, sagt Arjin. Doch die Erleichterung weicht schnell dem nächsten Schockzustand. Minuten später erfahren sie von den Morden am Kurt-Schumacher-Platz, denen ihre Freunde zum Opfer fielen.

JUZ „k.town“ in Hanau: Für viele eine zweite Heimat

Viele der Getöteten und Verletzten hatten eine intensive Beziehung zum Juz „k.town“. Es liegt nur wenige Meter vom Haus der Familie R. entfernt und nur wenige Gehminuten vom Kiosk. Das für sein soziales Boxprojekt mehrfach ausgezeichnete Juz ist für viele Jugendliche eine zweite Heimat. Sie gehen hier ein und aus, so wie die Getöteten Ferhat Ünvar, Hamza Kurtovic und Said Nesar Hashemi es taten. Auch Gökhan Gültekin war im Juz bekannt, ebenso wie die Kinder von Mercedes Kierpacz. Einige der Ermordeten hatten gerade ihre Ausbildung abgeschlossen und hier stolz davon erzählt.

Jetzt herrscht im Juz, wo auch Beratung, Hausaufgaben- und Bewerbungshilfe angeboten wird, unfassbare Trauer. Am Fenster und drinnen neben der Bar hängen Fotos der Opfer mit Botschaften wie „R. I. P.“. Die Jugendlichen und Sozialarbeiter trauern gemeinsam, sprechen viel, nehmen sich in den Arm. Sie schweigen, weinen, erinnern sich lächelnd an die schönen Zeiten.

Der Anschlag in Hanau: Ermutigt durch rechte Hetze

Das Juz ist genauso bunt wie der Stadtteil. „Wir sind eine multikulturelle Gemeinschaft. Es spielt keine Rolle, wo jemand herkommt“, sagt Sozialarbeiter Günther Kugler. Darauf ziele der Anschlag, das „sollte zerstört werden“. Kugler spricht von „faschistischem Irrsinn“, den die AfD und andere beförderten: Hetze ermutige Leute wie Tobias R.

Am Mittwoch verließ Ferhat als Letzter das Juz. Kugler gab ihm noch eine Wurst mit. Einige Minuten später wurde der 23-Jährige ermordet. „Ich konnte es nicht glauben, als ich davon erfuhr“, so Kugler.

Nach dem rassistischen Anschlag in Hanau: „Wir sind eine Gemeinschaft“

„Wir sind eine Gemeinschaft, die eint, keine, die trennt. Wir sind also das Gegenteil von Rechtsextremismus und Terror“, fügt Boxtrainer Davut Demir hinzu. Ihm werde schlecht beim Gedanken an die Taten und daran, dass einige nur überlebt haben sollen, weil das Magazin des Täters leer gewesen sein soll.

Die jungen Leute formulieren es ähnlich. „Wir leben Multikulti, sind eine Familie“, betont Arjin Bicer. „Natürlich gab es auch mal Streit, aber nie Hass. Uns ist egal, welchen Glauben, welche Herkunft jemand hat. Wir sind alle Hanauer, wir sind Kesselstädter.“

Täter spähte vor dem Anschlag Orte in Hanau aus

Die Überlebenden empfinden jetzt „gemischte Gefühle“, sagen sie. Einerseits Glück darüber, noch am Leben zu sein, andererseits tiefe Trauer über die getöteten Freunde. Letzteres „überwiegt ganz klar“, sagt Sercan. Und dann ist da noch die Angst. Dunkelheit, ein Hupen, ein Mann mit Kapuze, der hinter einem geht – solche Dinge haben ihnen in den vergangenen Tagen zu schaffen gemacht. Das Juz bietet psychologische Hilfe von Fachleuten an, einzeln und in der Gruppe. Es sind auch die vielen offenen Fragen zu den Taten, die quälen, etwa: Gab es Helfer oder Mitwisser? Waren es ganz gezielte Morde? Ist R. Teil eines rechtsextremen Netzwerks?

Am 15. Februar, wenige Tage vor der Tat, hat Tobias R. in Kesselstadt bereits ein Wettbüro ausgespäht. Es gibt ein Video davon, darauf sieht man auch große Beulen unter seiner Jacke, die von Waffen stammen könnten. R. bestellte ein Wasser und fragte nach FR-Informationen, ob und wann die angrenzende Bar geöffnet ist. Doch diese war wegen Renovierung zwei Wochen geschlossen.

Anschlag in Hanau: Vermutlich auch das Juz im Visier

Er sei häufiger da gewesen, habe einen merkwürdigen Eindruck gemacht. Hielt es R. nicht so lange aus und suchte sich daher andere Ziele? Klar scheint: Er suchte gezielt Orte auf, an denen oft Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund waren. Vermutlich war ihm auch das Juz ein Dorn im Auge, genauso wie anderen. In den vergangenen Jahren wurden die Jugendlichen mehrfach beleidigt und bedroht, berichten sie. Anwohner regten sich darüber auf, dass sie abends das Außengelände nutzten. Einmal soll jemand aus dem Block nebenan Besteck auf die jungen Leute geworfen haben. Und einmal ein Mann damit gedroht haben, seine Waffe zu nutzen und sie zu töten. Ob es womöglich R. war, ist unklar. Das Juz will demnächst noch einmal die Jugendlichen befragen, die dabei waren. Sie seien damals verängstigt gewesen.

Wer sich in der Weststadt umhört, stößt neben Multikulti-Selbstverständlichkeit auch auf Rassismus, selbst in diesen Tagen. Von „zu vielen Kanaken“ spricht einer, fragt, ob „man jetzt auch so viel Geschiss machen würde, wenn die Opfer Deutsche wären“.

Die Betroffenen nach dem Anschlag in Hanau in den Mittelpunkt stellen

Über Tobias R. wollen diejenigen, die sich retten konnten, nicht viele Worte verlieren, sagen nur, er sei offenbar voller Hass und Neid gewesen. Unmenschlich. Es komme nun darauf an, alles aufzuklären, fordert Sercan. Ebenfalls wichtig sei aber, die Betroffenen in den Vordergrund zu rücken. „Wenn in zehn Jahren darüber gesprochen wird, soll es nicht um ihn gehen. Stattdessen um die großartigen Menschen, die aus dem Leben gerissen wurden. Um die, die wir geliebt haben“, unterstreicht Liyan. „Wir sollten dann nicht sagen: Weißt du noch, der Typ, der damals schoss? Sondern: Weißt du noch, der Ferhat?“, appelliert Sercan.

Ferhat habe einen sehr guten Charakter gehabt und sei ein „unglaublich witziger Typ gewesen, der alle zum Lachen gebracht hat“, erinnert sich Arjin, die ihn schon von klein auf kennt. In letzter Zeit habe er sehr diszipliniert trainiert, einige Kilos verloren und ein Stück weit ein neues Leben beginnen wollen. Kürzlich hat Trainer Demir mit ihm noch geplant, wie sie den Kraftraum auf Vordermann bringen könnten.

Anschlag in Hanau: Die Ermordeten „dürfen nicht in Vergessenheit geraten“

Hamza und Nessar seien eher ruhig und zurückhaltend gewesen, aber treue und herzensgute Menschen, fleißig, höflich, hilfsbereit. Alle würden nicht wollen, dass man sich von einem solchen Anschlag unterkriegen lasse. „Sie dürfen nicht in Vergessenheit geraten“, sagt Liyan.

Zunächst einmal beteiligen sie sich an Spendenaktionen für die Angehörigen. Vielleicht werden sie ihren getöteten Lieben auch ein zu ihnen passendes Denkmal setzen, einen Gedenkort schaffen. Am wichtigsten sei aber: „Wir sind eins“, sagt Arjin Bicer. „Leute wie der Attentäter wollen uns und die Gesellschaft spalten. Ihr Ziel ist: Hass verbreiten.“ Zwischen Menschen mit und ohne sogenannten Migrationshintergrund. „Das lassen wir nicht zu.“

Manchmal, sagen die drei, stellen sie sich vor, wie Ferhat und die anderen reinkommen und sagen: „Hey, hört auf zu weinen. Lacht!“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare