Hanau

Hanau: Leiblicher Sohn sagt in Mordprozess gegen Sektenführerin aus

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Im Mordprozess um den ermordeten Jan H. sagt der leibliche Sohn der angeklagten Sektenführerin vor dem Landgericht Hanau aus. Er belastet seine eigene Mutter schwer.

Es ist nicht einfach für mich, heute hier zu sein“, sagt Martin D., aber „es ist das Richtige“, fügt er mit fester Stimme hinzu. Deshalb sagt er aus. Der 46-Jährige ist der leibliche Sohn der angeklagten Sylvia D. und nennt sie, die ihn vorwurfsvoll anschaut, nur „sogenannte Mutter“. Weshalb, wird während seiner Vernehmung am Landgericht Hanau deutlich. Präzise beschreibt er das „totalitäre System“ der Sektenführerin und die seelischen und körperlichen Qualen, die demnach vor allem Kinder erlitten, auch er.

Und der Zeuge schildert am gestrigen Donnerstag, wie er den 17. August 1988 sowie die Zeit davor und danach erlebte. An jenem Tag starb Jan H., Sohn zweier Anhänger von Sylvia D. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass die damals 41-Jährige den Vierjährigen ermordete, indem sie ihn, eingeschnürt in einen Sack, im Bad ersticken ließ, weil sie ihn als von „den Dunklen besessen“, als Reinkarnation Hitlers betrachtete. D.s Anwälte bestreiten den Vorwurf, sprechen von einer Hetzkampagne voller Lügen.

Martin D. ist ein wichtiger Zeuge, auch weil er an jenem Nachmittag im Haus gewesen sei. Dieses „war eigenartig leer“. Wie sich herausstellte, fuhren gleich drei Erwachsene – sein Vater Walter D. und das Ehepaar H. – zum Markt, entgegen der sonst propagierten Effizienz. Nach eigenen Worten verließ Martin D. mit einem Schulheft sein Zimmer, um unten seinen Vater zu suchen. Doch Sylvia D. habe ihn auf der Treppe aufgefordert, zurückzugehen. Oben habe er Jans Schreie gehört, etwas gedimmt, so, wie es sich angehört habe, wenn der Junge mal wieder in einen Sack gesteckt und ins Bad gelegt worden sei. Diesmal seien die Schreie „länger“ und „nachdrücklicher“ gewesen. Sylvia D., die den Angaben zufolge in der Nähe war, sich zwischen Wohn- und Schlafzimmer bewegte, habe sie hören müssen, erinnert sich Martin D. Später habe er unten noch eine Tür auf- und zugehen gehört, kurz danach hätten die Schreie aufgehört.

Vergebliche Wiederbelebung

Nachdem die Haustür geöffnet worden sei, habe er erneut die Treppe angesteuert, sagt D., und von dort aus mitbekommen, wie Claudia H. ins Bad gegangen sei und gerufen habe, der Junge atme nicht mehr. Wie Walter D. Erbrochenes aus dem Mund des blassen Vierjährigen geholt und gesaugt und vergeblich versucht habe, ihn wiederzubeleben. Sylvia D. habe nicht geholfen, eiskalt gewirkt, „keine Miene verzogen“. Sie sei „erbarmungslos“. In den Tagen danach hörte der Zeuge, wie sie bei einer Versammlung betont habe, es sei besser, dass Jan geholt wurde, sonst wäre er gefährlich geworden. In einem Tagebucheintrag ist zu lesen, „Dein Alterchen“ – so nennt D. Gott – „hat mit 100 Prozent richtig entschieden“.

Oberstaatsanwalt Dominik Mies hat nach der Aussage von Anhängerin Cordula E., die den Sack offenbar genäht hatte, ein ähnliches Exemplar anfertigen lassen. Als Martin D. es sieht, sagt er: „Das ist viel zu groß.“ Und faltet den Stoff. Jan – der nicht als Kind betrachtet, sondern von Sylvia D. ständig gequält worden sei – habe darin keinen Platz gehabt, stark geschwitzt und kaum Luft bekommen. Als er den Jungen zweimal herausgeholt und zuvor nur mit Mühe den Knoten über dem Kopf gelöst habe, sei das Kind rot und aufgedunsen gewesen, habe geschlottert. Als er D. darauf hingewiesen habe, habe sie entgegnet, das sei „nur Show“ und gehe ihn nichts an.  

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