Betriebsversammlung01_171020
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Das Werk ist nach wie vor profitabel und musste dennoch bereits einen Stellenabbau hinnehmen.

Hanau

Kampf gegen Werksschließung

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Die Beschäftigten von Hitachi ABB in Hanau fordern ein Moratorium und Verhandlungen über ein Zukunftskonzept. Sie wollen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln kämpfen.

Wenn wir sterben, stirbt ein Teil der Energiewende“ steht auf einem Transparent, auf einem anderen: „Hitachi in Hanau: Kalte Exekution statt 100 Jahre Tradition“. Es ist kalt und grau am Freitag, die Beschäftigten des Elektronikkonzerns Hitachi ABB Power Grids sitzen coronabedingt mit Masken vorm Gesicht auf Kartons, halten vor dem Werkstor in Großauheim Abstand voneinander. Aber sie stehen zusammen und kämpfen. Davon künden Slogans wie „Ihr habt dem Werk den Krieg erklärt. Glaubt ja nicht, dass sich niemand wehrt“ und das Abstimmungsergebnis: Einstimmig spricht sich die Belegschaft für eine Resolution und Maßnahmen aus, um die kürzlich vom Konzern angekündigte Schließung des profitablen Werks zum 30. Juni 2021 und den Verlust von 500 Arbeitsplätzen abzuwenden.

Dazu wird Hitachi ABB zunächst bis Ende Oktober aufgefordert, mit der IG Metall ein Moratorium zu vereinbaren, das den Beschluss für das Ende des Standorts aufhebt. Dann soll, wie „verbindlich zugesagt“, über ein nachhaltiges Zukunftskonzept verhandelt werden, wobei die „heutige Struktur und Personalstärke“ erhalten werden sollen. Die Entscheidung, die Produktion gasisolierter Schaltanlagen und hydromechanischer Antriebe von Großauheim nach Bulgarien und in die Schweiz zu verlagern, sei auch ein Schlag gegen die Klimawende in Deutschland, wird in dem am Freitag beschlossenen Papier kritisiert. Falls das Unternehmen nicht zu einer konstruktiven Lösung bereit sei, werde mit allen gewerkschaftlichen Mitteln gekämpft.

Die rechtliche Situation ist komplex: Weil bereits konzernweit ein Sozialtarifvertrag abgeschlossen wurde – der etwa die Höhe von Abfindungen regelt – sind Gewerkschaft und Mitarbeiter in der Friedenspflicht, können nicht einfach neue Forderungen stellen und erstreiken. In diesem Fall wäre es wohl dennoch möglich, wegen der Ausnahme, die bei einer Schließung vorgesehen ist. Die lokalen Betriebsräte haben aber die Möglichkeit, den geltenden Sozialtarifvertrag trotzdem anzuerkennen. Und diesem Schritt haben die Mitarbeiter nun zugestimmt.

Netz nach unten einziehen

Ziel sei es, „ein Netz nach unten einzuziehen“ und so schlechtere Konditionen zu verhindern, sagte Robert Weißenbrunner, erster Bevollmächtigter der IG Metall Hanau-Fulda. Gleichzeitig suchen Betriebsrat und Gewerkschaft nach anderen Wegen, um im Kampf um das Werk „tarifvertragliche Instrumente“ einsetzen zu können. Ein Ansatzpunkt ist der Mindestpersonalbedarf, für den sich Forderungen stellen ließen.

Betriebsratschef Thorsten Karg sprach von einer ökonomisch falschen und „moralisch höchst verwerflichen Entscheidung“ des Konzerns. Es gelte, als „verschworener Haufen“ an einem Strang zu ziehen, den öffentlichen Druck hoch zu halten. Nach einem schon stattgefundenen Gespräch erwartet er, dass sich Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Minister Tarek Al-Wazir (Grüne) in die Verhandlungen einschalten: „Über die Energiewende darf man nicht nur reden, man muss sie produzieren. Und dazu eignet sich der Standort“, so Karg.

Hitachi hatte erst im Sommer 80,1 Prozent der ABB-Stromnetzsparte Power Grids für circa 7,6 Milliarden US-Dollar übernommen. Während das Geld an die Aktionäre ausgeschüttet werden soll, wird ein zuvor bereits vereinbartes Konzept zur Standortsicherung offenbar übergangen, was auch zu scharfer Kritik der Kommunalpolitik führte.

Die Vorwürfe weist das Unternehmen auf FR-Anfrage zurück. Die „strategische Neuausrichtung der weltweiten Fertigung von Hochspannungsschaltanlagen, der Technik und des Service“ sei notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit im „dynamischen Marktumfeld“ zu verbessern. Künftig solle sich der Bereich High Voltage Products in Hanau und Mannheim auf Technologie, Vertrieb, Service konzentrieren. Die Firma wolle die „sozialen Auswirkungen minimieren“, setze sich für „faire Verhandlungen mit Respekt und Rücksicht auf alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit dem Betriebsrat“ ein.

Wegen des Vorgehens sind die Beschäftigten wütend. Sie und ihre Familien würden in die Arbeitslosigkeit geschickt, die Vereinbarungen zum Standorterhalt gebrochen. Die Belegschaft ist kampfbereit, will sich „mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln wehren“, heißt es in der Resolution.

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