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In Sportsfield sind die Grenzwerte für Lärm und Geruch teilweise dreimal so hoch wie erlaubt. renate Hoyer

Wohnen

Hanau kämpft um Wohnungen auf Sportsfield-Housing-Areal

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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In einem Brief an Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) bittet die Stadt um einen flexibleren Umgang mit Grenzwerten bei Lärm und Geruch, um rund 400 Wohnungen vor dem Abriss zu bewahren.

Um die 400 Wohnungen auf dem Sportsfield-Housing-Areal im Stadtteil Wolfgang zu erhalten, hat sich die Stadt Hanau erneut an Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) gewandt. In einem Brief an Schulze schreibt OB Claus Kaminsky, er werde nicht akzeptieren, „dass wir zum Spielball in einer Auseinandersetzung um abweichende Auslegungen von unterschiedlichen Behörden werden, die sich wechselseitig die Verantwortlichkeiten zuschieben, ohne dass sich wirklich etwas bewegt.“ Gleichzeitig bittet er sie, sich mit Nachdruck für die sogenannte Experimentierklausel einzusetzen.

Mit der Klausel, über die der Bund noch nicht entschieden hat, solle unter bestimmten Bedingungen ein flexiblerer Umgang mit Grenzwerten für Lärm und Geruch möglich sein, damit mehr Wohnraum geschaffen und erhalten wird. So könnte man in einem Gebiet, in dem die zulässigen Werte für Lärm nicht eingehalten werden, dennoch bauen, wenn die Wohnungen etwa mit speziellen Fenstern ausgestattet werden.

In den 22 mehrgeschossigen Häusern in Sportsfield lebten einst US-Soldaten. Seit deren Abzug 2008 gilt das Areal rechtlich als „grüne Wiese“. Die Blocks können nur temporär als Flüchtlingsunterkunft genutzt werden. Für dauerhaftes Wohnen bräuchte es einen neuen Bebauungsplan. Doch dieser wäre anfechtbar, weil die Grenzwerte für Geruch und Lärm deutlich überschritten werden, besonders wegen der Nähe zum Reifenhersteller Goodyear Dunlop und zu vielbefahrenen Straßen. Bestandsschutz haben die Gebäude nicht, weil keine „militärische Wohnnutzung“ erfolgt. Aus Sicht der Stadt herrschen in Sportsfield keine gesundheitsschädlichen Wohnbedingungen. Laut Kaminsky ist ein Schreiben des hessischen Wirtschaftsministers Tarek Al-Wazir (Grüne) Anlass für seinen Appell an Schulze. Der Minister habe nach einer Prüfung zu Sportsfield mitgeteilt, beim Lärm werde die Belastungsgrenze für gesunde Wohnverhältnisse überschritten. Die Geruchsbelastung sei teilweise mehr als dreimal so hoch wie in der Geruchsimmissions-Richtlinie (Girl) erlaubt und liege damit deutlich „außerhalb des bauplanungsrechtlichen Abwägungsspielraumes“.

Zuvor hatte das Bundesumweltministerium signalisiert, dass die Konflikte beim Immissionsschutz auch auf der aktuellen Rechtslage lösbar seien. Dem widerspricht das Land, zeigt aber zwei Wege auf, die den Erhalt der in Hanau dringend notwendigen Wohnungen sichern könnten: Das Wirtschaftsministerium spreche sich ebenfalls für die Experimentierklausel aus, die auch zu den Empfehlungen der beim Bundesinnenministerium angesiedelten Baulandkommission gehört. Darüber hinaus plädiere das hessische Ministerium dafür, eine Regelung „zur Ortsüblichkeit von Gerüchen“ einzuführen. Diese könnte in den an Goodyear Dunlop grenzenden Gebieten greifen. Seit vielen Jahren stehen in der Nähe des Werks Wohnhäuser – zum Teil sind sie viel näher dran als Sportsfield – und genießen Bestandsschutz. Die Girl wird überarbeitet und soll in die Technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft (TA Luft) aufgenommen werden.

Die Stadt Hanau pocht auf die Klausel und mehr Spielraum bei Grenzwerten, da sie Rechtssicherheit will – auch um die nach umfangreichen Streichungen verbliebenen Arbeitsplätze bei Goodyear Dunlop nicht zu gefährden. Die Stadt werde keine Bauplanung angehen, die „aus der Sicht des Betriebes Abwehransprüche auslösen“ oder dessen Zukunftsfähigkeit schaden könnte, so Kaminsky. Unumstritten ist die angestrebte Klausel nicht. In den Umweltverbänden gibt es Stimmen, die vor einer Aufweichung des Gesundheits- und Naturschutzes warnen.

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