Hanau

Landgericht Hanau: Sektenführerin von Aussteigerin schwer belastet

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Im Mordprozess gegen Sylvia D. vor dem Landgericht Hanau wird die Sektenführerin von einer Aussteigerin schwer belastet. Die Verteidigung weist die Vorwürfe zurück.

Stoisch, gelassen, geradeaus schauend oder Notizen machend – so hat Sektenführerin Sylvia D. den Mordprozess gegen sie bisher meistens verfolgt. Doch als Zeugin Birgit P. am Dienstag Saal 215 des Landgerichts betritt, verfinstert sich ihr Gesicht, und sie fixiert ihre frühere Anhängerin. Die 61-Jährige belastet D. schwer: So hat P. nach eigenen Angaben etwa ein dreiviertel Jahr vor dem Tod von Jan H. beobachtet, wie dieser im Bad der Familie D. „wie eine Mumie“ eingeschnürt gewesen sei, in einem Sack und mit einer Binde fixiert. Möglicherweise sei der Junge auch geknebelt worden, weil er keinen Ton von sich gegeben habe. Ein Bündel, das sich gehoben und gesenkt habe. „Das Bild kriege ich nicht aus meinem Kopf“, sagt P. Kurz darauf sei sie von Sylvia D. auf ihre Beobachtungen angesprochen worden. Die Frau, die angeblich mit Gott kommunizieren kann, habe sinngemäß erklärt: „Genauso muss er da liegen.“ Dann habe sie Birgit P. als „Miststück“ und „sentimentales Muttchen“ beschimpft.

Mit P. hat erstmals eine Belastungszeugin gegen die Angeklagte ausgesagt. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass die damals 41-Jährige den vierjährigen H. am 17. August 1988 grausam und aus niedrigen Beweggründen ermordete, indem sie ihn in einem Sack ersticken ließ. D. ließ den Vorwurf über ihre Verteidiger zurückweisen, es habe „keine Tötungshandlung“ gegeben. Die Verdächtige sei Opfer einer Hetzkampagne.

Ein Motiv sieht die Staatsanwaltschaft darin, dass Sylvia D. den Jungen als Wiedergeburt Hitlers betrachtet habe. P. bestätigte dies. D. behauptete demnach, Gott habe sie ermächtigt, die Reinkarnation zu behandeln, ihr die Chance zu geben, sich zu ändern.

Kind gequält

Das Kind sei von D. gequält worden. So habe sie ihn geschlagen und ihm Essen in den Mund gestopft, „wie einer Weihnachtsgans“. Mehrfach habe die Sektenchefin P. befohlen, währenddessen Klavier zu spielen, um Jans Schreie zu übertönen. Er habe so lange auf dem Topf sitzen müssen, dass sich Hornhaut an seinem Po gebildet habe. D. habe den Jungen dämonisiert und propagiert, er mache alles aus Bosheit.

P. hatte Sylvia D. durch eine Freundin kennengelernt. Sie habe sich der Gruppe angeschlossen, weil „ich von der Idee fasziniert war, dass Gott durch Träume spricht“. Anfangs sei es nett gewesen, doch der Druck sei stetig gestiegen, bis „der Strick zugezogen wurde“. Sylvia D. habe sich die Träume ihrer Anhänger erzählen lassen und so deren Seelenleben durchleuchtet, alles kontrolliert, und keinerlei Zweifel an ihrer Person geduldet. Nachdem Birgit P. in Ungnade gefallen sei, sei sie von D. ständig bestraft, isoliert, erniedrigt worden. So sehr, dass sie an Suizid gedacht habe. Immer wieder sei sie als „Hure“ beleidigt worden. „Vier Jahre lang gab es keinen Tag, an dem ich nicht geweint habe.“ Ein entscheidender Grund für P.s Ausstieg soll die Einlieferung ihres Sohnes in die Klinik gewesen sein. Er habe Würgemale am Hals gehabt, die Ärztin sei sicher gewesen, er sei stranguliert worden. Laut P. wurde er deshalb wohl im September 1987 behandelt.

In den Tagebucheinträgen und angeblichen Gottesbriefen der D.s gibt es einen dazu passenden Eintrag – jedoch soll er einen Monat nach Jan H.s Tod 1988 verfasst worden sein. Da heißt es, Gott habe Johannes wegen dessen Boshaftigkeit auch „holen“ wollen. Er sei schon blau angelaufen, doch seine Mutter sei gerade noch rechtzeitig gekommen.  

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