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Gerhard Jäger vom Heimat- und Geschichtsverein mit einem der filigranen Bauer-Rennräder.

Hanau

Hanauer Heimatmuseum wandelt sich zur Kulturstätte

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Das neueröffnete „RadWerk“ zeigt in Hanau modern aufbereitet Ortsgeschichte, aber auch die weltgröße Sammlung an Bauer-Rädern.

Da stehen sie, mit grazil gezogenem Stahlrohr, zumeist in warnendem Rot lackiert, auf den nur bleistiftdicken Reifen haben sie die Erscheinung eines Federgewichts: Bauer-Rennräder. Daneben Velos mit nach oben gedrehtem Hornlenker, wasserleitungsstarken Rahmenrohren und einer spärlich bemessenen Sitzfläche, weil der Nutzer der Kunstfahrräder ohnehin zumeist auf den Pedalen steht. Sie waren eine andere Spezialität, mit der die Bauer-Werke Furore machten.

Natürlich gibt es im „Radwerk“ auch eine große Zahl Alltagsvelos und Motorräder des Herstellers zu sehen, der just vor 50 Jahren pleiteging, obwohl er über Jahrzehnte zu den renommierten Fabriken des heutigen Hanauer Stadtteils Klein-Auheim gehörte.

Das Ende Juni eröffnete Radwerk glänzt nicht nur mit der weltgrößten Bauer-Sammlung, sondern ebenso mit einem modernen und interessant konzipierten Heimatmuseum. Radwerk will jedoch mehr als ein Museum sein. Es beansprucht den Titel einer „Kulturstätte“ an der Route der Industriekultur, denn dort sind auch die Modelleisenbahner und die Hanauer Schlepperfreunde mit ihren historischen Treckern untergebracht, wo am Wochenende ebenfalls die Pforten öffnen. Außerdem gibt es dort, quasi als Teil der Infrastruktur, ein Café mit Innen- und Außenbewirtung sowie einen Fahrradladen. Das Radwerk liegt nur einen kurzen Abstecher vom Mainuferweg zwischen Hanau und Seligenstadt entfernt.

Öffnungszeiten der Ausstellung im Radwerk - Kulturstätte am Main, Gutenbergstrasse 7, in Hanau: samstags und sonntags jeweils von 11 bis 17 Uhr.

Das Café „Kuchenstil“ ist donnerstags bis sonntags von 9.30 bis 18 Uhr geöffnet, geboten werden Frühstück, Kuchen und Torten sowie kleine hessische Gerichte. sun

www.radwerk-hanau.de

Meckern, jammern und klagen hilft manchmal, so auch in diesem Fall. Gerhard Jäger, Vorsitzender des Klein-Auheimer Geschichtsvereins, und seine Mitstreiter strahlen heute übers ganze Gesicht, wenn es um das Radwerk geht. Das bereits mit erheblichen Baumängeln behaftete Alte Rathaus im Ortskern war über Jahre das Domizil des Vereins. Die Sammlung aus Klein-Auheimer Haushalten, Betrieben und Fabriken war trotz aller Versuche einer liebevollen Präsentation in zum Teil selbst schon ausstellungsreifen Vitrinen wenig attraktiv. Die oberen Schauräume glichen eher einem vollgestopften Fundus, in dem die stickige Luft auch nach den Dingen roch, die dort lagerten. Besucher, die nicht gut genug zu Fuß waren, um die Treppen zu schaffen, konnten ohnehin nicht das Sammelsurium etwa an historischen Arbeitsgeräten eines Friseurs mit einem gewissen Schaudern betrachten.

Schaudern gab es ebenso bei der Stadt ob der sehr hohen Sanierungskosten des Gebäudes. Doch vor einem Jahr fügten sich die Dinge zum Guten: Uwe Hoppesack, Chef einer Firma für Mess- und Regeltechnik, hatte das Nachbargebäude einer ehemaligen Druckerei gekauft, es gab schon den Kontakt zur Stadt, der Geschichtsverein gewöhnte sich an die Vorstellung, das Ortszentrum zu verlassen, und dann kam noch Jörg Schulisch aus Heigenbrücken bei Aschaffenburg ins Spiel, der der Stadt Hanau seine Bauer-Sammlung anbot – weltweit die größte. Der Ruheständler wollte die Exponate für alle Zeit in sicheren Händen wissen.

„Menschen,Räder, Erinnerungen“ heißt die neue Ausstellung im Radwerk.

Auf rund 1200 Quadratmetern findet nun die Klein-Auheimer Geschichte eine museumspädagogisch sehr schön aufbereitete Darstellung, die die Handschrift von Victoria Asschenfeldt, Chefin des Hessischen Puppen- und Spielzeugmuseums in Hanau, trägt. Die Ortschronik wird in einer Art Zeitstrahl wiedergegeben. Gegenstände in den Wandvitrinen erzählen Geschichte von der Jungsteinzeit bis in die Gegenwart, unterstützt von vielen Fotografien aus dem 20. Jahrhundert. In einem zweiten Zeitstrahl wird die Geschichte von Hanauer Unternehmen präsentiert: Gummi-Peter, Bauer-Werke oder die renommierte Etikettendruckerei Illert.

Für Bauer sind noch einmal einige Hundert Quadratmeter extra reserviert. Bis Ende der 1960er Jahre bestückte das Unternehmen Profiradsportler und lieferte in die ganze Welt. Die heutige Massenware tut vielleicht noch ihren Dienst als Pendlervehikel zur nächsten Bahnstation. Bauer setzte zunehmend auf die motorisierte Zukunft der Zweiräder und damit ungewollt auf sein Ende: Die Entwicklung war teuer, und kaum einer wollte noch ein Motorrad, als das Auto erschwinglicher wurde. Die Zeit aufhalten konnte da auch nicht die junge Dame mit ihrer „Saxonette“, einem hinterradmotorisierten Velo, auf dem Werbeplakat mit Seekulisse. Das Fahrzeug steht original im Radwerk. Die Bemerkung der Reklamefrau zu den „harmonischen Formen“ kann nur bestätigt werden.

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