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Experte Dietmar Krüger im von ihm initiierten und nun erweiterten Pilz-Lehrwald im Wildpark Alte Fasanerie.

Hanau

Giftige Doppelgänger erkennen

  • Detlef Sundermann
    vonDetlef Sundermann
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Der Wildpark Alte Fasanerie in Hanau hat seinen Pilz-Lehrwald vergrößert. 19 Arten gibt es als große Modelle.

Sie sind weder richtig Pflanze, noch Tier, sie umgibt etwas Geheimnisvolles und sie locken jeden Herbst die Menschen zu Tausenden in den Wald, ausgerüstet mit Körben oder - als schlechtestes Behältnis - mit Kunststofftaschen. Pilze. Wer den essbaren mit den giftigen Fungi verwechselt, kann schwere gesundheitliche Schäden erleiden, bis hin zum qualvollen Tod. Um die Gleichen von den ähnlich Aussehenden unterscheiden zulernen, besteht seit 2018 im Wildpark Alte Fasanerie Klein-Auheim ein „Pilz-Lehrwald“. Der Bestand wurde nunmehr ob des großen Interesses am Thema erweitert.

Parasol wird als „essbar“ ausgewiesen, ebenso wie der Maronenröhrling gleich nebenan. „Der Schopf-Tintling ist auch ein guter Speisepilz, so lange er noch keine tintenartige Flüssigkeit gebildet hat“, sagt Dietmar Krüger. Der 51-Jährige ist Pilzfachberater und -lehrer. Der „Pilz-Lehrwald“ geht auf seine Initiative zurück. Den gibt es so in Deutschland sicher kein zweites Mal, sagt er.

Fungi

Pilze sind winzig wie der Einzeller in Hefe oder gewaltig wie der sich über neun Quadratkilometer ausbreitende Hallimasch in Oregon/USA. Giftig, essbar oder Lebensretter, wie etwa Schimmelpilz als Penicillin. Die Vergiftungzahlen steigen, 2019 lag in der Schweiz der Spitzenwert bei gut 700, deutsche Zahlen sind nicht bekannt. Im Zweifel eine örtliche Beratungsstelle aufsuchen. Pilze vor Zubereitung fotografieren, für den Fall einer Vergiftung.

Die überdimensionalen Unikate aus Keramik aus der Werkstatt des Limburger Grafik-Designers Thomas Müller stehen im Rehgehege mit pädagogischem Anspruch. „Es ist nachhaltiges Anschauungsmaterial. “Die Objekte begeistern nicht nur vorbeigehende Kinder, auch Erwachsene ziehen sie in ihren Bann. Das Interesse am Sammeln von Pilzen wächst, sagt Krüger. Seine Lehrwanderungen im Wildpark und anderswo seien stets früh ausgebucht. In der Alten Fasanerie sei für diesen Herbst kein Platz mehr frei. „Leute jeden Alters, von der Putzfrau bis zum Banker nehmen teil. Mit steigender Tendenz junge Erwachsene, die heimische Pilze als Teil ihrer naturbewussten Ernährung betrachten.“

Der Zufall führte Krüger in das Reich der Mykologie. „Beim Angeln sah ich jeden Herbst viele Leute mit Körben aus einem nahen Wald kommen“, sagt er. Angestachelt vom Gesehenen, besuchte er eine Pilzwanderung. Die Erinnerung an das Pilzepflücken in seinen Kindertagen mit den Eltern waren längst verblasst. „Ich habe bei der Pilzwanderung förmlich verschlungen, was der Fachmann sagte“, so Krüger - und darauf den Inhalt zahlreicher Fachliteratur. Er besuchte Aufbaukurse. Längst kann er sich geprüfter Pilzsachverständiger und -coach nennen. In seiner „Pilzschule Hessen“ bietet er selbst Lehrführungen und Kurse. Alles nebenberuflich, seine Brötchen verdient der Offenbacher als Verwaltungsangestellter einer Krankenkasse.

„Ich will mein Wissen weitergeben“, erklärt Krüger sein Engagement. Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986 seien wegen der über viele Jahre anhaltenden radioaktiven Bodenbelastung Pilze sehr verhalten gesammelt worden. Damit seien oft auch Pilzkenntnisse der älteren Generation verloren gegangen. Nicht wenige Pilzesser begäben sich deshalb nun klassisch mit dem Bestimmungsbuch auf die Suche oder modern mit einer Smartphone-App, bei der etwa das Objekt für die Küche fotografiert und vom Programm analysiert werde. „Apps, die mit einem Foto arbeiten, haben für Unerfahrene was von Russisch Roulett“, warnt Krüger. Und außerdem sind die bei weitem nicht so unterhaltsam und einprägsam informativ wie Krügers Ausführungen über Eichenrotkappe, Satansrötling oder Krausen Glucke, den er bevorzugt zubereitet.

Es geht Krüger jedoch nicht allein um das Auseinanderhalten von essbaren und giftigen Pilzen, sondern ebenso darum, dass jeder Sammler wissen sollte, welche Pilze geschützt sind und unberührt zu lassen sind etwa heimische Trüffelarten. Aber, was wir vom Boden abschneiden oder pflücken, ist nicht der eigentliche Pilz, betont Krüger. „Es wird Furchtkörper genannt,doch genau genommen essen wir das Geschlechtsteil des Pilzes“, sagt er.

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