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Der CV KLein-Auheim war am 12. Januar mit dabei beim Hanauer Rathaussturm in Schloss Philippsruhe, natürlich um 11.11 Uhr.  

Hanau

Hanau: Fortbildung für Büttenredner

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Der Carneval-Verein Klein-Auheim in Hanau feiert in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen.

Wie lang zwölfeinhalb Jahrzehnte geschichtlich sein können, veranschaulicht der Carneval-Verein (CV) Klein-Auheim in seiner Chronik. In dem Jahr, in dem 18 Männer am Stammtisch im Klein-Auheimer Wirtshaus von Hana Jörsch aus einer Laune den Beschluss fassten, ihren Frohsinn zur Narrenzeit in einem Verein zu kanalisieren, entdeckte Conrad Röntgen die später nach ihm benannten Strahlen. Der CV entwickelte sich zu einer Institution für Generationen, nicht zuletzt weil er sich wandlungswillig zeigte. Er nennt sich nunmehr auch „Tanz-, Kultur- und Carneval-Verein“.

Dass der CV eines Tage gegründet werden würde, lag auf der Hand. Das erzkatholische Dorf stand unter der Glaubenshoheit des Bistums Mainz, schon vier Jahre zuvor war die 1. Karnevalsgesellschaft Klein-Auheim entstanden.

Warum das damals knapp 2000 Einwohner zählende Dorf noch einen zweiten Verein brauchte, ist nicht überliefert. „Wir pflegen heute ein kollegiales Miteinander“, sagt Jörg Knierriem vom CV-Vorstand und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Man bezeichne sich als Brudervereine. Allerdings soll diese Herrlichkeit erst seit 20 Jahren bestehen. Übereinander gefrotzelt werde in den Sitzungen jedoch immer noch, aber eben freundschaftlich, so Knierriem.

Der CV 1895 beginnt am 18. Januar mit dem Fahnenhissen seine Veranstaltungsreihe aus Kostümsitzungen und Partys. Zudem gibt es Senioren- und Kinderfastnacht sowie eine Damensitzung. Die Termine werden zum Teil mit der 1. Karnevalsgesellschaft ausgerichtet. 


Faschingszüge sind am Samstag, 22. Februar, in der Hanauer Innenstadt, am Sonntag darauf im Tümpelgarten-Viertel und in Klein-Auheim sowie in Großauheim am Faschingdienstag. sun

www.cv-klein-auheim.de
www.hanau.

In den ersten Jahrzehnten war der CV ein reiner Männerclub. Es gab somit nur einen Prinzen, der vor jeder Kampagne gekürt wurde. 1939 brach man mit der Tradition. Josef Spitzenberger und Gertrude Bros waren das erste Prinzenpaar. Danach war auch schon Schluss mit Lustig. Anders als in der Zeit des Ersten Weltkrieg ruhte das Treiben des CV diesmal nicht freiwillig. Die Nazis schalteten Vereine gleich. Der CV habe seine Aktivitäten einstellen müssen, heißt es. Zwei Jahre nach Kriegsende ging es für den Verein weiter. Die US-Kommandantur genehmigte den CV, die auch die erste Vorstandsbesetzung bestimmte. Schon im Jahr darauf gab es im Union-Theater in der Schulstraße eine Prunksitzung, die wegen der Nachfrage vier Mal wiederholt wurde. Die Menschen lechzten nach Ablenkung von den Kriegserinnerungen. Auch wegen der sich anbahnenden Währungsreform waren die Läden leer.

In den 50er und 60er Jahren trägt der CV auch ob seines eigenen Wachstums zunehmend zur Kultivierung des Karnevals im Ort und Umland bei, nicht zuletzt im historisch protestantisch geprägten Hanau. Die Teilnahme am dortigen Rathaussturm ist für den CV daher obligatorisch. Mit Fußgruppen und Elferwagen ergänzt der CV Umzüge in Hanau, den Stadtteilen Klein-Auheim und Großauheim sowie in der Nachbargemeinde Hainburg. Mit Gastauftritten in Sitzungen gibt man sich überdies als karnevalistischer Botschafter.

Dass ein Karnevalverein außerhalb der „tollen Tag“ nicht durchgehend auf lustig gebürstet ist, zeigte sich beim CV im Jahr 1967. Erstmals konnten Frauen Mitglied werden. Vermutlich stieß diese Entscheidung nicht auf breite Zustimmung. Der damalige Vorsitzende trat zurück, einige Vorstandsmitglieder forderten die Bildung einer reinen Männergarde.

Im 21. Jahrhundert geht ohne die Frauen beim CV jedoch nichts mehr. „Der CV hat sehr viele eigene Tänzerinnen“, sagt Knierriem. Mehr als 100 seien es, und die Leistung sei mehr als nur passabel. Bei den klassischen Kostümsitzungen bestimmen daher Tänze nicht unwesentlich das Programm. Die Frauen haben es auch in den Elferrat des CV geschafft. Nur die Kanonengarde müssen sie sich offenbar noch erobern.

125 Jahre und Traditionpflege im Brauchtum sowie Lokalbonus reichen nicht, um stets volle Säle zu haben. Auch das Maß an Qualität müsse stimmen, sagt Knierriem. In den vergangenen Jahren habe es ein Qualitätsproblem bei den Büttenreden gegeben. Es gebe eben nur wenige Menschen, die das Talent hätten, gute Reden zu schreiben und sie ebenso toll vorzutragen. Das sei kein CV-typisches Problem.

Wer beim CV in die Bütt’ will, muss nun zur Fortbildung, damit der jambische Fünfheber oder der Kehrreim sitzen und die Pointe trifft. Laut Knierriem fordert auch beim Karneval die „political correctness“ einen umsichtigen Umgang mit Inhalten. „Aber grundsätzlich nehmen wir uns viel Freiheit“, sagt er. Das sei im Karneval schon immer so gewesen.

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