Lothar Volk, Leiter der Samendarre, kontrolliert den bisherigen Ertrag an Flügelnüssen.
+
Lothar Volk, Leiter der Samendarre, kontrolliert den bisherigen Ertrag an Flügelnüssen.

Hanau

Hanau: Flügelnüsse für den künftigen Wald sammeln

  • Detlef Sundermann
    vonDetlef Sundermann
    schließen

Nach zehn Jahren wird in Hanau wieder der Samen der seltenen Flatterulme geerntet.

Im vergangenen Jahr genoss sie die Aufmerksamkeit als Baum des Jahres, in diesem Frühling findet die Flatterulme erneut große Beachtung - zumindest im Forstamt Hanau-Wolfgang.

Nach gut einer Dekade wird dort wieder ihr Samen gesammelt, für den Wald der Zukunft. Zum Forstamt gehört auch die einzige Samendarre des Landesbetriebs Hessen-Forst. Dort steht in diesem Jahr der Ausbau zu einem Saatgutzentrum an. Einige Quadratmeter große, feinmaschige, dunkelgrüne Netze sind auf dem Waldboden dicht an den Stämmen mit ihrer knorrigen Rinde und zum Teil mächtigen Brettwurzeln ausgebreitet. Neben Zweigen und Blättern liegen dort die begehrten „Flügelnüsse“, rund einen halben Quadratzentimeter große blattförmige Gebilde mit einer Samenkapsel in der Mitte.

Samenbank

Hessens Samendarre am Forstamt Hanau-Wolfgang wurde 1826 errichtet. 1994 wurde sie von einem größeren Neubau ersetzt.

Gelagert wird nach der Haltbarmachung Saatgut für Nadel- und Laubbäume.

Baumsamen verschiedener Herkünfte lagern dort etwa auch Saat für Hochlandlagen im Spessart oder Knüll.

In Spitzbergen, tief im arktischen Eis, gibt einen der weltweiten Saatgut-Bunker mit 4,5 Millionen Samenproben, um nach einer globalen Katastrophe eine Neuanfang machen zu können. sun

„Wenn der Samen auf nährstoffreichen Boden fällt und es genug regnet, kann er im Sommer noch keimen“, erläutert Lothar Volk, Technischer Leiter der Samendarre. Die Flatterulme produziert im Gegensatz zu anderen Waldbäumen ihre Früchte im Frühling.

Die lichtliebende Baumart, deren Merkmal die asymmetrischen Blatthälften sind, hat wegen des Ulmsplintkäfers stark an Bestand eingebüßt. Nur die Flatterulme zeigt sich gegenüber dem Schädling resistenter, sagt Volk. Auch werde der Baum als Ersatz für die vom Schlauchpilz befallene Esche genommen, die etwa in Auwäldern eine Nachbarschaft des Samenspender ist. Nicht zuletzt vertrage die Flatterulme den Klimawandel besser. Lange Dürrezeiten, wie in den beiden vergangenen Jahren, sind jedoch auch für sie eine Gefahr. „Die Ernte wird bis Anfang Mai dauern“, so Volk. Nach dem Sieben und händischen Aussortieren rechnet er mit einem Ertrag von fünf bis sechs Kilogramm. „Aus einem Kilogramm Samen können bis zu 70 000 Bäume entstehen“, sagt Volk. Im nächsten Schritt werden Proben an ein unabhängiges Labor geschickt, um die Vitalität des Samens zu prüfen, also wie viel Prozent der Saat wird keimen. Das ist nicht zuletzt wichtig, weil private Baumschulen Samen kaufen. Das Forstamt hat eine eigene Baumschule. Zudem gibt es Rückstellproben für eine Genanalyse, bei Fragen nach der Herkunft und für das Zertifikat. Um Material mit einer hohen Keimfähigkeit zu erhalten, wurden die Netze an 20 jüngeren, vitalen Flatterulmen ausgelegt. Bei dieser Baumart kann das durchaus mal 150 Jahre bedeuten. Es wird aber auch auf den Nachwuchs geachtet. „Schöne Eltern ergeben auch meist schöne Kinder“, sagt Volk.

Holzverbrauch, Schädlingsbefall und klimabedingte Aufforstungskampagnen lassen den Bedarf an Saatgut steigen. Geerntet wird in der Regel dennoch nur von Baumarten, die gefragt sind, weil Saatgut begrenzt haltbar ist. Bei etwa minus zehn Grad Celsius können die zuvor getrockneten potenziellen Baumnachkömmlinge einige Jahre gelagert werden. Laut Volk sind es bei der selten geernteten Flatterulme drei, vier Jahren. Ein anderes Kriterium ist die zu erwartende Menge. In diesem Jahr zeigen sich auch Eiche und Buche mit üppiger Blüte, dass bei günstiger Witterung eine reiche Ernte zu erwarten ist, so Volk.

Problematisch ist die Konservierung der Eichenfrüchte, die sehr schonend erfolgt. „Auf dem Samen bildet sich leicht Schwarzfäule“, sagt Volk. Um dem vorzubeugen, wird das Saatgut künftig einer Thermotherapie unterzogen. „Dabei kommt der Samen zwei Stunden in 45 Grad warmes Wasser, das die Pilzsporen abtötet und den Ertrag um 200 Prozent erhöht“, heißt es. Noch in dem Jahr soll für die Anlage eine neue Halle gebaut werden. „Voraussichtlich im Herbst 2021 kann sie in Betrieb gehen“, sagt Volk.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare