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Noch selbstbewusster durch den Sport: Chiara Marra (20) beim Schattenboxen im Ring.

Hanau

Box Gym Hanau: Ewiger Kampf ums Überleben

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Das Präventionsprojekt Box Gym ist mal wieder in Not und auf Spenden angewiesen.

Trainer Davut Demir gibt kurze, klare Kommandos: „Abtauchen, kurz in die Seile fallen lassen, Aufwärtshaken schlagen.“ Dann ertönt ein schriller Piepton und Demirs Schützlinge, die gerade im Ring stehen, machen immer wieder die geforderten Bewegungen – zwei Minuten lang, Vollgas. Die anderen bearbeiten Sandsäcke. Es riecht nach Gummi. Dumpfe Schläge sind zu hören, die Stahlketten, an denen die Säcke hängen, klingeln. Die Kämpfer ächzen, stoßen Schreie aus.

„Beim Boxen muss man alles geben. Das hat mir die Disziplin und die Kraft gegeben, meine Ziele zu verfolgen“, sagt Sara Liyan Dalgic in einer Verschnaufpause. Kurz zuvor hat Demir sie dafür gelobt, dass sie ruhig bleibt und ihre Augen trotz der vielen angetäuschten Schläge nie zugehen. „Ich kann hier Stress abbauen, fühle mich einfach besser“, erzählt Dalgic. Sie ist bereits hessische Vizemeisterin geworden und eine von gut 30 Frauen und Mädchen in der Gruppe.

Die jungen Boxer bereiten sich auf die Kampfnacht des Kesselstädter Box Gyms, das an das Juz k.town angeschlossen ist, vor. Auch weil die Veranstaltung in kirchlichen Räumen, im evangelischen Gemeindezentrum, stattfindet, dürfte sie bundesweit einmalig sein. Die Kämpfe dienen natürlich dazu, sich mit anderen Sportlern zu messen, einerseits. Auch Serkay Cömert, der zu den größten deutschen Talenten gezählt wird und Hessenmeister bis 75 Kilo ist, tritt für das Gym an.

Andererseits soll der Abend helfen, Förderer zu gewinnen. Denn das Präventionsprojekt muss um seine Zukunft kämpfen. Die Stadt Hanau finanziert das Juz zu zwei Dritteln, die Kirche zu einem.

Die 20 000 Euro jährlich für die Boxtrainer hingegen, die pro Woche 20 Stunden Training für 120 bis 140 Teilnehmer geben, sowie für das Material muss über Spenden und Sponsoring reingeholt werden. Deshalb muss das 2003 eröffnete, mehrfach ausgezeichnete Gym regelmäßig bangen. Das bereits gesammelte Geld reicht nur bis Anfang 2020.

Die Zukunft des Juz ist ebenfalls ungewiss. Die Stadt bleibe bei ihrem Beitrag von 167 000 Euro, erklärt Sozialdezernent Axel Weiss-Thiel (SPD) auf FR-Anfrage. Sollte es zu den befürchteten Kürzungen durch die Kirche kommen, müsste das Juz sein Angebot, zu dem etwa Hausaufgabenhilfe, Beratung und Bewerbungstraining gehören, reduzieren. Hinzu kommt: Das seit langem sanierungsbedürftige Gebäude wird abgerissen. Wann, ist unklar. Auch, wie es dann weitergeht.

Trainer Davut Demir hat das Box Gym mit Sozialpädagogin Antje Heigl aufgebaut. „Hier steckt viel Herzblut drin. Ich hänge daran“, sagt Demir. Er habe nicht mit einem solchen Erfolg gerechnet, sportlich und, was noch wichtiger sei, menschlich. „Wer hier ist, gammelt nicht rum, macht keinen Mist, sondern lernt Disziplin.“ Er weiß, wovon er spricht, und das spüren die Boxer. Die Trainer tauschen sich auch mit den Pädagogen darüber aus, was die jungen Leute bewegt. Beratung, Beziehungsarbeit und Boxen gehören zusammen.

Chiara Marra ist seit gut einem halben Jahr dabei. Ihr Vater sei zunächst skeptisch gewesen, mittlerweile aber überzeugt. „Boxen hat mich noch selbstbewusster gemacht“, sagt die 20-Jährige, die vier- bis fünfmal wöchentlich trainiert. Früher litt sie an Magersucht, heute nicht mehr. Der Sport reize sie, „weil ich letzten Endes alleine da durchmuss“ und als Ausgleich zu ihrer Ausbildung als Verwaltungsfachangestellte. Als Boxerin könne sie dazu beitragen, Vorurteile gegenüber Frauen abzubauen und gleichzeitig lernen, sich selbst zu verteidigen. Am Gym schätze sie „die verschiedenen Nationalitäten und den Zusammenhalt“.

Am Ende des Trainings versammelt Demir im Ring alle um sich. Im Sitzen stimmen sie sich auf den großen Tag ein und lassen den Puls runterkommen. „Ihr seid bereit für Samstag“, sagt der Trainer anerkennend, bevor er gleich wieder mahnt, sich dabei aber in die Boxer einfühlt: „Das Wichtigste ist, dass ihr einen klaren Kopf behaltet. Jeder wird nervös sein, ich war es früher auch.“ Nicht blind draufhauen sollen sie, stattdessen ihre Angst „in kontrollierte Aggressivität umwandeln“ und im Ring „niemals die Augen vom Gegner und die Ohren vom Trainer lassen“. Er werde sie führen, auf sie aufpassen. Welche Auszeichnung die Kämpfer kriegen, will einer wissen. Für den Gewinner gibt es einen Pokal, antwortet Demir. Wer unterliegt, geht auch nicht leer aus, sondern bekommt eine Medaille umgehängt.

Die Boxnacht beginnt am Samstag, 19 Uhr, in der Helmholtzstraße 53 c in Hanau-Kesselstadt. Eintritt 10 Euro, ermäßigt 7. Vorkämpfe ab 17 Uhr.

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