+
Blühende Hanfpflanze Cannabis.

Justiz

Erfolg für Cannabis-Patienten in Hanau

  • schließen

Das Sozialgericht Hanau gibt einem Eilantrag auf Kostenübernahme statt.

Thomas Müller ist glücklich, sagt er. Weil er Hoffnung geschöpft hat. Nach einem eineinhalbjährigen Kampf mit einigen Rückschlägen hat der ADHS- und Schmerzpatient einen wichtigen Teilerfolg erzielt: Das Sozialgericht Frankfurt gab seinem erneuten Eilantrag statt und verpflichtete die AOK Hessen dazu, die Kosten für das Cannabis-Medikament des 51-Jährigen, der auf Sozialleistungen angewiesen ist, vorläufig zu übernehmen. Die Entscheidung im Hauptsacheverfahren ist jedoch noch nicht gefallen. Einen früheren Antrag hatte das Sozialgericht abgelehnt.

Die Richter schreiben in ihrer aktuellen Begründung: Nach den vorgelegten medizinischen Unterlagen gebe es „hinreichend Anhaltspunkte“ dafür, dass eine schwerwiegende Erkrankung vorliege, die mit Cannabis behandelt werden müsse, weil eine Standardtherapie wegen der ärztlich bescheinigten Unverträglichkeit nicht infrage komme. Müller sei „nicht zuzumuten, die Entscheidung der Hauptsache abzuwarten, ohne dass ihm schwere und nicht wiedergutzumachende Nachteile drohen“.

Die FR hatte den Fall 2018 öffentlich gemacht. Der Hanauer leidet offenbar seit der Kindheit an einer gravierenden Form von ADHS, die mit Schlaf- und Aufmerksamkeitsstörungen einherging und dazu beitrug, dass er Unfälle mit schweren Verletzungen hatte, die chronische Schmerzen verursachten. Seit 2018 wird er mit Cannabis in Blütenform behandelt, seitdem hat sich sein Zustand laut Arztbericht deutlich gebessert. Allerdings kann er sich die Medizin nicht leisten.

Versicherte haben seit 2017 einen gesetzlichen Anspruch auf Versorgung mit Cannabis, wenn sie schwer erkrankt sind, die Arznei Besserung verspricht und die Standardbehandlung nicht half. Viele Anträge werden von den Kassen aber nicht bewilligt, die Ablehnungsquote schwankt zwischen rund 40 und 30 Prozent.

Die AOK wies die Kritik zurück und bezog sich auf eine Prüfung des Medizinischen Dienstes: Dieser sah nicht genug Belege für eine schwere Erkrankung und dafür, dass nur eine Arznei auf Cannabisbasis helfen kann. Zudem fehle eine Nutzen- und Risikobewertung der Ärzte. Diese kritisierten die Ablehnung scharf, nachdem sie viele Nachweise eingereicht hatten. Etwa dafür, dass Müller wegen eines Aneurysmas nicht zu gängigen Mitteln wie Ritalin greifen darf, weil das den Blutdruck erhöht.

Mittlerweile hat der Patient mit seinen Anwälten und Ärzten, die ihre Therapiehoheit verletzt sehen, neue Unterlagen eingereicht: So kommen zum Beispiel Fachärzte nach einer Testreihe zu dem Ergebnis, dass „die Diagnose eines adulten ADHS als gesichert gelten darf“, in mittlerer bis sehr schwerer Form – wie gerichtlich gefordert, ebenso wie der Grad der Behinderung von 70, der festgestellt wurde. Der Therapieerfolg wird als „hervorragend“ eingestuft, ohne Anzeichen für Nebenwirkungen. Dennoch blieb die AOK bei einem neuen Antrag im Kern bei ihrer Argumentation.

Im Herbst 2018 hat Thomas Müller eine Selbsthilfegruppe gegründet, die Cannabis-Patientenhilfe Frankfurt. Sie wird nach seinen Angaben derzeit von 30 Leuten zwischen 20 und 78 Jahren aufgesucht, darunter Schmerz- und Autismuspatienten. Sie machten ähnliche Erfahrungen: „Die Hürden für eine Versorgung mit Cannabis sind hoch – oft aus nicht nachvollziehbaren Gründen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare