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Hunderte ziehen nach einer Kundgebung durch die Hanauer Innenstadt. Peter jülich
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Hunderte ziehen nach einer Kundgebung durch die Hanauer Innenstadt. Peter jülich

Terror in Hanau

Hanau, ein Lichtermeer

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Tausende Menschen gedenken am ersten Jahrestags des Terroranschlags, der Opfer von Hanau und protestieren gegen Rassismus.

Niemand soll das erleiden, was wir erleiden müssen“, sagt Çetin Gültekin. Seine Stimme bebt. „Hanau soll zur Endstation werden!“, schreit er ins Mikrofon. Damit der rassistische Terroranschlag nicht noch eine Zwischenstation vor dem nächsten wird, brauche es eine Zäsur. Und diese „müssen wir von unten erzwingen“, appelliert der 46-Jährige.

Ein Jahr nach dem Anschlag hat er so gut wie kein Vertrauen mehr in die Behörden. Er beklagt eine „Kette des Versagens“, die die Attentate erst ermöglicht habe. Bis heute seien unzählige Fragen unbeantwortet. „Was wir wissen, wissen wir durch eigene Recherchen oder die Arbeit von Journalisten. Wir geben keine Ruhe, bis alles lückenlos aufgeklärt ist!“

Mehrere Hundert Leute gedenken am Freitagnachmittag auf dem Hanauer Marktplatz der Anschlagsopfer und protestieren gegen Rassismus. Und Çetin Gültekin, Bruder des ermordeten Gökhan Gültekin, hält eine kämpferische, emotionale Rede, für die er immer wieder Applaus bekommt.

Den unfassbaren Schmerz über den Verlust seines Gökhan hält Gültekin für einige Minuten zurück und blickt nach vorne: Berichtet, dass sich die Angehörigen und Überlebenden aus Hanau mit Betroffenen der rechtsextremen Attentate etwa in Halle, Köln und Kassel vernetzt haben und eine Großdemonstration gegen Rassismus planen. Auf der politischen und institutionellen Ebene sei seit Hanau nichts zum Positiven verändert worden, im Gegenteil. In dem Jahr sei zum Beispiel die Zahl der Waffenerlaubnisse für Rechtsextreme sogar deutlich gestiegen.

Zu der Kundgebung mit dem Titel „Kein Vergeben – Kein Vergessen – Gemeinsam gegen Rassismus“ haben unter anderem die DIDF-Jugend Hanau, Fridays for Future und die Jugendorganisationen der IG-Metall aufgerufen. Viele Teilnehmer:innen, die später durch die Stadt ziehen, tragen Schilder mit Bildern und Namen der Getöteten.

Terror in Hanau

Dossier: Bei einem rassistischen Anschlag in Hanau werden am 19. Februar 2020 neun Menschen ermordet. Die FR berichtet über das Gedenken - und analysiert die politischen Konsequenzen. Alle Texte im Dossier.

Reportage: Armin Kurtovics Sohn Hamza wurde am 19. Februar 2020 bei dem rassistischen Anschlag in Hanau ermordet. Wie kann eine Familie damit fertig werden? FR-Redakteur Gregor Haschnik hat den Vater ein Jahr lang begleitet. Er erzählt von Trauer, Verstörung und seiner Wut auf die Behörden.

Auf einem Transparent ist eine Gedichtzeile des ermordeten Ferhat Unvar zu lesen: „1945 schrie ein Land ,Mit uns nie wieder!‘ Plötzlich gibt’s die AFD, besorgte Bürger und Pegida“. Das Grimm-Denkmal, das zum Gedenkort geworden ist, ist mit zahlreichen Fotos der Opfer, Blumen und Kerzen geschmückt.

Der ganze Tag steht im Zeichen des Gedenkens. Es ist eine Mischung aus tiefer Trauer, schönen Erinnerungen an die Ermordeten sowie Solidarität und Wut, die die Stimmung in der Stadt und die Zusammenkünfte prägt. Bürger:innen, Initiativen, Firmen, Vereine, Kitas, Schulen und andere Institutionen wollen mit zahlreichen Gedenkveranstaltungen, Aktionen und Bannern dazu beitragen, dass die Opfer nicht vergessen werden. Am Heumarkt, dem ersten Tatort, und dem Kurt-Schumacher-Platz, dem zweiten Tatort, wurden zumindest für ein paar Tage die Straßennamen geändert: So gibt es in der Innenstadt jetzt, zu Ehren der Opfer, eine Kaloyan-Velkov-Straße, eine Sedat-Gürbüz-Straße und eine Fatih-Saraçoglu-Straße.

Es war eine Bitte von der Initiative 19. Februar, in der sich Angehörige und Aktivisten zusammengeschlossen haben. Am Abend, kurz bevor um 19.02 Uhr in der gesamten Stadt symbolisch Kirchenglocken erklingen, stehen die Eltern der Lebensgefährtin von Fatih Saraçoglu an der Ecke, wo er ermordet wurde. Sie sind froh über die Anteilnahme so vieler Menschen. Der Schock über die Tat sitzt nach wie vor tief: „Wir vermissen ihn sehr. Unsere Tochter und Fatih wollten doch in diesem Jahr heiraten“, sagt die Mutter. Sie machen sich große Sorgen um ihre Tochter, hoffen, dass sie den Verlust eines Tages verarbeiten kann. Neben ihnen steht eine Frankfurterin, die keinen persönlichen Bezug zu den Opfern hat, aber gekommen ist, „weil ich es sehr wichtig finde, jetzt Solidarität zu zeigen“. Sie ist eine von mehreren tausend Menschen, die dies am Freitag in Hanau tun.

Schräg gegenüber sitzt Marion Bayer, vor den Räumen der Initiative 19. Februar, in der sie sich auch engagiert. Bayer freut sich über die Resonanz, nicht nur in Hanau: Unter dem Motto „Hanau ist überall!“ finden in rund 100 Orten Gedenk- und Protestveranstaltungen statt. Für Hanau und die Hinterbliebenen hofft sie, „dass wir uns alle gegenseitig durch diese Nacht tragen“. Gleich werden hier und am Kurt-Schumacher-Platz viele Kerzen brennen und ein Lichtermeer entstehen. Dann soll der Name eines jeden Ermordeten gerufen – und für jeden eine Schweigeminute gehalten werden.

Im Jugendzentrum k.town, das für mehrere Opfer eine zweite Heimat war, laufen die Vorbereitungen für die Gedenkminuten. Hunderte Kerzen stehen bereit, ein Diaprojektor zeigt Fotos der Getöteten, etwa von gemeinsamen Ausflügen. „Wir haben jetzt sehr viel zu tun“, sagt Sozialarbeiterin Antje Heigl. Das lenke ein wenig ab. Der Schmerz ist unermesslich.

Vor dem Jugendzentrum liegt ein Buch aus, in dem Gäste ihre Trauer ausdrücken können. In seinem eigenen Eintrag gedenkt das Juz der Opfer und trauert mit den Angehörigen und Freunden. Insbesondere in Kesselstadt fühle sich nichts mehr so an wie vor dem Anschlag. Und doch „wollen wir das Vertrauen nicht verlieren, dass wir hier die Zukunft gemeinsam gestalten können. Die Unterschrift: „Evangelisches Juz k.twon für Vielfalt und Toleranz, gegen Nationalismus und Rassismus.“

Am Jugendzentrum Helmholtzstraße in Hanau gedenken Menschen der Opfer. Michael Schick

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