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Die „Initiative 19. Februar Hanau“ kämpft für Aufklärung.
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Die „Initiative 19. Februar Hanau“ kämpft für Aufklärung.

Hanau

Hanau: Digital-Detektive erforschen Terroranschlag

  • Gregor Haschnik
    VonGregor Haschnik
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Die Internationale Rechercheagentur Forensic Architecture rekonstruiert Teile des rassistischen Anschlags, um einen wichtigen Beitrag zur lückenlosen Aufklärung zu leisten.

Was ist in der Nacht des rassistischen Terroranschlags von Hanau im Täterhaus und während des SEK-Einsatzes dort passiert? Welche Rolle spielte der Vater des Attentäters; was hat er mitbekommen? Und waren die tödlichen Schüsse in dem Reihenhaus in Kesselstadt – offenbar tötete der Terrorist seine Mutter, dann sich selbst – außen tatsächlich nicht zu hören?

Um diese und andere Fragen zu beantworten, hat die Initiative 19. Februar die unabhängige internationale Rechercheagentur Forensic Architecture (FA) beauftragt, mehrere Gutachten zu erstellen. Zusammen mit der Berliner Schwesteragentur Forensis und der Initiative beleuchtet FA seit Monaten die Ereignisse, hinterfragt die Darstellung der Behörden und hat etwa die Abläufe im Haus des Täters, die räumlichen Verhältnisse, die Akustik sowie die Schussgeräusche detailliert rekonstruiert. Die Ergebnisse „werden einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung leisten“, sagte Hagen Kopp, Sprecher der Hanauer Initiative, der FR.

Während des Anschlags am 19. Februar 2020 wurden neun Menschen ermordet. In der Initiative haben sich Angehörige sowie Überlebende mit Unterstützer:innen zusammengeschlossen. Sie setzen sich für Erinnerung und Konsequenzen ein.

Die Agentur FA wurde 2011 durch den Architekten und Autoren Eyal Weizman am Centre for Research Architecture, Goldsmiths, an der University of London gegründet. Sie ist weltweit tätig, entwickelte zum Beispiel ein Modell des Foltergefängnisses Saydnaya in Syrien, untersuchte den Brand des Grenfell Towers in London, bei dem 72 Menschen starben – sowie den Mord an Halit Yozgat, den der NSU im Jahr 2006 begangen hat. FA hat mit seinen Recherchen viele Widersprüche, Menschenrechtsverletzungen und andere Missstände aufgedeckt.

Im Fall von Yozgat kam das Kollektiv zu dem Ergebnis, dass der Verfassungsschützer Andreas Temme – der in einem hinteren Raum des Internetcafés war, den Mord aber angeblich nicht bemerkte – den Schuss gehört und die Leiche gesehen haben muss, als er den Tatort verließ.

Für ihre Analyse werteten die Expert:innen unter anderem Tatortfotos, Aussagen von Zeug:innen und Ermittlungsakten aus. Darüber hinaus stellten sie mit Hilfe eines Schauspielers und eines Akustikspezialisten den Tatablauf nach. Auch die Ausbreitung des Schießpulvergeruchs wurde simuliert und wissenschaftlich ausgewertet.

Im Team von FA arbeiten neben Architekt:innen beispielsweise Wissenschaftler:innen, Jurist:innen, IT-Expert:innen und Filmschaffende, die zum Teil aus London nach Hanau gereist sind. Das Kollektiv, das vom Europäischen Forschungsrat mitfinanziert wird, entwickelt für seine Rekonstruktionen Computerprogramme und Simulationen, baut Räume sowohl in Originalgröße als auch digital nach, filmt aus verschiedenen Perspektiven und bereitet Daten auf.

Die Staatsanwaltschaft hat zu mehreren Aspekten des Anschlags – wie dem in der Tatnacht zeitweise nicht erreichbaren Notruf und dem womöglich verschlossenen Notausgang am zweiten Tatort – lange Prüf- beziehungsweise Ermittlungsverfahren durchgeführt, diese jedoch eingestellt, weil im zweiten Fall kein hinreichender Tatverdacht und im ersten kein Anfangsverdacht für eine Straftat festgestellt worden sei. Die Initiative kritisierte dies.

Sie finanziert die Recherche von FA und hat einen Spendenaufruf auf der Plattform betterplace.org gestartet. Für die aufwendigen Rekonstruktionen werden 75 000 Euro als Ziel ausgegeben.

Derweil findet am kommenden Freitag im Landtag die nächste öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschusses zum Anschlag statt. Das Gremium soll klären, ob und welche Fehler hessische Behörden – die Vorwürfe zurückweisen – gemacht haben. Als Zeug:innen sind Hinterbliebene der ermordeten Sedat Gürbüz, Vili Viorel Paun und Said Nesar Hashemi geladen.

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