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6000 Demonstranten stehen auf dem Freiheitsplatz und zeigen ihre Solidarität mit den Opfern des rassistischen Anschlags.

Terror-Anschlag

Hanau: Demonstration der Solidarität

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Nach dem Anschlag gingen am Samstag in Hanau Tausende gegen Hetze und Rassismus auf die Straße. Von der Politik fordern sie ein konsequenteres Vorgehen.

In mehreren Städten kam es am Wochenende zu Kundgebungen und Demonstrationen wegen des Anschlags am Mittwochabend auf zwei Shishabars in Hanau, bei dem elf Menschen getötet wurden, darunter der Täter Tobias R., der die Waffe zum Schluss gegen sich selbst richtete.

In Hanau hatte das Hanauer Bündnis „Solidarität statt Spaltung“ für Samstagnachmittag zu einer Kundgebung auf dem Freiheitsplatz aufgerufen, anschließend ging es zum Heumarkt, einem der beiden Tatorte. Von dem Besuch des zweiten Tatorts im Stadtteil Kesselstadt sei auf Bitten der Bewohner und Betroffenen, einen Tag Ruhe haben zu wollen, Abstand genommen worden, teilte ein Vertreter des Ordnungsamts auf Anfrage mit. Laut Polizei nahmen rund 6000 Menschen an der Demonstration teil, weitaus mehr, als der Veranstalter erwartet hatte.

Binnen einer guten halben Stunde wuchs die Menschenmenge auf dem Freiheitsplatz von einigen Hundert auf Tausende an. Manch einer hatte noch den Einkauf vom Marktbesuch in der Tragetasche. Die Hanauer kamen, um ein Zeichen der Anteilnahme und der Solidarität zu setzen und um zu zeigen, dass die ungeheuerliche Tat eines psychisch kranken Rechtsextremen keine Spaltung bewirkt. Handzettel mit den Namen der Getöteten wurden verteilt, ebenso großformatige Fotografien, die die Opfer zeigten. Sie sollten nicht anonym bleiben, nicht vergessen werden, hieß es immer wieder. Später bei der Kundgebung wurden ihre Namen mehrmals verlesen, einmal auch von den 6000 Menschen im Sprechchor.

In den Reden auf der Bühne wurde der nötige Zusammenhalt und die Einsicht gefordert, dass in Deutschland Menschen anderer Herkunft keine Fremden seien, wie der Cousin des getöteten Ferhat Ünvar sagte.

Aufrufe

Die Organisation Gofundmeruft zu Spenden für die Überführung des ermordeten Ferhat Ünvar in die Türkei auf. Das nur 22 Jahre alt gewordene Opfer soll dort begraben werden. Die Kosten kann die Familie nicht aufbringen: gofundme.com/why-gofundme

Das Bundeskriminalamthat im Internet ein Hinweisportal geschaltet: www.bka.de. Zeugen können darüber Fotos und Videos zum Tathergang übermitteln. Hinweise zur Tat können auch über die kostenlose Rufnummer 0800/0130110 gegeben werden. sun

Gefordert wurde auch, dass die Politik gegen wachsenden Fremdenhass und Faschismus nunmehr konsequent vorgehen müsse. Es habe sich nicht um das Werk eines kranken Einzeltäters gehandelt, Rassismus sei ein System, dem eine Struktur zugrunde liege. Tobias R. sei auch das Produkt der AfD, „die das Unsagbare wieder sagbar macht“, sagte ein Redner des türkischen Vereins DIDF.

In den Grußbotschaften von Initiativen und Betroffenen früherer rechtsextrem motivierter Attentate kam ebenfalls zum Ausdruck, dass seit dem Brandanschlag in Duisburg vor 36 Jahren, der sich über Jahre hinziehenden Mordserie des NSU und den jüngsten Anschlägen in Kassel und Halle der Staat es immer noch nicht geschafft habe, Rassismus energisch entgegenzutreten. Ein Reporter des türkischen, englischsprachigen Nachrichtensenders TRT World versuchte, dies und die möglichen Wurzeln des Faschismus in Deutschland den Teilnehmern am Heumarkt zu erklären.

Viele Kerzen und Blumen waren im Umfeld der Shishabar zu sehen, ebenso Bilder der Ermordeten. Menschen hielten inne. Eine junge Frau brach in Tränen aus, sie wurde von ihrer Begleiterin getröstet. Im Eckkiosk gegenüber dem Tatort stand ein halbes Dutzend älterer Männer hinter dem Schaufenster, sie beobachteten mit müden Gesichtern das Geschehen. Auf dem Marktplatz gab es zeitgleich eine Gedenkstunde am Brüder-Grimm-Denkmal, das von Hunderten Grablichtern und Blumen umgeben war. Hanau versuchte, das Unfassbare zu bewältigen.

Das Bundeskriminalamt hat eine Internetadressen für Zeugen geschaltet. Überdies warnte es am Wochenende vor der steigenden Zahl an „Fakes News“ und Verschwörungstheorien in sozialen Netzwerken. Einen Tag nach der Tat soll ein Video über einen Naziaufmarsch in Hanau im Internet kursiert haben.

Zur Unterstützung der Familienangehörigen der Ermordeten hat die Stadt zwei Opferbeauftragte ernannt. In diesen Tagen soll zudem der Rat der Religionen für die Ausrichtung einer gemeinsamen Trauerfeier zusammenkommen.

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