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Symbol für eine Zeit voller Extreme und Umbrüche: ein aus Geldscheinen und Textil gestaltetes „Inflationskleid“ aus dem Jahr 1923.
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Symbol für eine Zeit voller Extreme und Umbrüche: ein aus Geldscheinen und Textil gestaltetes „Inflationskleid“ aus dem Jahr 1923.

Geschichte

Hanau: Aufbruch und Zerstörung

  • Gregor Haschnik
    VonGregor Haschnik
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Eine neue Dauerausstellung im Historischen Museum Hanau Schloss Philippsruhe beleuchtet die Zeit von 1848 bis 1946. Sie ist Teil der umfassenden Neugestaltung des Museums.

Auf den ersten Blick scheint es sündhaft teuer zu sein – und ist doch fast nichts wert: das 1923 aus Scheinen gefertigte Inflationskleid. Es steht sinnbildlich für die wahnsinnige Geldentwertung damals, die viele Menschen in den Ruin oder sogar in den Tod trieb.

Von großem symbolischen und materiellen Wert ist die Amtskette des Oberbürgermeisters, die der aktuelle Stadtchef, Claus Kaminsky, (SPD) in den vergangenen Jahren nur zu ganz besonderen Anlässen wie seiner Vereidigung trug. Entworfen wurde sie von Hugo Leven. Dieser prägte den Jugendstil und leitete die Hanauer Zeichenakademie, die eine Reihe bedeutender Künstler:innen hervorbrachte.

Die Dosen, Tiegel und Fläschchen im Schminkkoffer des Friseurs des Hanauer Stadttheaters wiederum erinnern an die letzten Vorstellungen dort. Der Betrieb in dem 1945 bei einem Bombenangriff zerstörten Haus wurde nie wieder aufgenommen.

Und das Klingsor-Grammophon von Klenk & Krebs, Jahrgang 1925, steht für einen Meilenstein: Es brachte Musik in die Wohnzimmer – in der Weimarer Republik auch Jazz und „Neue Musik“ des in Hanau geborenen Komponisten Paul Hindemith.

Die Ausstellung

Die neue Dauerausstellung „Moderne Zeiten – Hanau 1848-1946“ ist im Historischen Museum Hanau Schloss Philippsruhe zu sehen. Sie zeigt die massiven Umwälzungen in der Zeit zwischen Vormärz und Nachkriegszeit in Kunst, Gewerbe und Gesellschaft.

Das am Main liegende Schloss wurde im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts für Graf Philipp Reinhard von Hanau-Münzenberg im Barockstil nach französischen Vorbildern erbaut und vom dänischen Architekten Ferdinand Meldahl von 1875 bis 1880 modernisiert. Neben dem Historischen Museum befinden sich hier auch das Mitmachmuseum Grimms-Märchen-Reich und das Papiertheater, das umgebaut wird.

Am Sonntag , 26. Dezember, können sich Interessierte die Ausstellung von 11 bis 18 Uhr anschauen, ebenso wie Grimms-Märchen-Reich. Zwischen den Jahren sind die Museen geschlossen. Sie öffnen wieder am Sonntag, 2. Januar 2022. Die Ausstellung kann dann während der regulären Öffnungszeiten besichtigt werden: dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr.

In allen Hanauer Museen gilt die 2G-Regel. Auf auf www.museen-hanau.de gibt es weitere Informationen. gha

Diese und viele weitere Exponate zeigt die neue Dauerausstellung „Moderne Zeiten – Hanau 1848-1946“ im Historischen Museum Schloss Philippsruhe. Sie ist Teil einer umfassenden Umgestaltung des Museums und widmet sich der konfliktreichen, von Gegensätzen geprägten Zeit zwischen Vormärz und Nachkriegszeit. In diese Jahrzehnte fielen der demokratische Aufbruch, der von Teilen der Turnbewegung vorangetrieben wurde, und das Naziregime, technische Erfindungen wie die Eisenbahn und eine rasante Stadtentwicklung sowie massive Zerstörung in zwei Weltkriegen. Das Streben nach Fortschritt und die Sehnsucht nach angeblich guten alten Zeiten.

Was diese rund 100 Jahre ausmachte, zeigen Victoria Asschenfeldt, Kuratorin und wissenschaftliche Direktorin der städtischen Museen, sowie Kurator Markus Laufs und Projektkoordinator Christian Krüger zum Beispiel mit Alltagsgegenständen, Schmuckstücken, Gemälden, Fotos, Zeitungsausschnitten und mit Hilfe digitaler Elemente. Gleich am Anfang steht ein interaktiver Medientisch, mit dem Interessierte tiefer ins Thema Netzwerke eindringen und über die Option „Ich kann beitragen“ eigene Informationen einbringen können. Ziel sei es, „nicht von oben herab Geschichte zu erklären, sondern gemeinsam Geschichte zu machen“, sagt Asschenfeldt. Es handele sich um ein kollektives Projekt, das wachsen solle.

Die Ausstellung ist nicht chronologisch aufgebaut, sondern thematisch. Im ersten von fünf Räumen geht es etwa um „Meister und Macher“ und laut Asschenfeldt darum, welche Menschen und Netzwerke hinter den großen Stadtentwicklungsprozessen standen und wie sie diese beeinflussten. Im zweiten Raum sind „Teilhabe und Gegenwelten“ im Fokus, im fünften „Krisen und Kultur“, im Flur dreht sich alles um „Planen und Wachsen“. Dabei werden Themen wie der Kampf um Teilhabe, Reformen, Nationalsozialismus, Militär, Mobilität und Freizeit behandelt und auch Missstände wie die Ausbeutung von Arbeiter:innen dargestellt. Wichtig sei gewesen zu veranschaulichen, dass auf hart erkämpfte Fortschritte oft Rückschläge gefolgt und die Zeiten ambivalent gewesen seien, so Asschenfeldt.

Alle Räume stellen Grundsatzfragen, etwa „Wer sollte in einer Stadt die Entscheidungen fällen?“ oder „Wann ist jemand frei?“. Die Schau solle nicht nur etwas zeigen, sondern Anlässe zur Reflexion und zum Gespräch schaffen, erklärt Laufs. Der interaktive Ansatz sei zentral, genau wie die Aufmerksamkeit für das Alltagsleben in „Modernen Zeiten“.

Für die Ausstellung haben Asschenfeldt und ihre Mitarbeiter Objekte aus dem Depot geholt, die bislang noch gar nicht ausgestellt worden waren. Auf Inklusion legen sie ebenfalls Wert: So bietet die Schau beispielsweise ein Tastobjekt der Amtskette. Den Macher:innen ist es gelungen, eine vielfältige, aber nicht überladene Ausstellung mit interessanten Details zu konzipieren, die sich mit einer besonders dynamischen Zeitspanne befasst. Sie bietet Wissenswertes zur Hanauer Geschichte und zeigt gleichzeitig die darüber hinaus gehende Bedeutung. Oft wird diese an prägenden Protagonist:innen deutlich, die mit Hanau verbunden sind. Zum Beispiel an die an der Zeichenakademie ausgebildeten Designikonen Christian Dell und Wilhelm Wagenfeld. Oder dem in Großauheim geborenen, vor allem für seine prägnanten Tierplastiken bekannten Bildhauer August Gaul. Gaul – der einmal sagte: „Ich will gar nicht die Natur pedantisch imitieren, sondern das Typische und ihren seelischen Kern festhalten“ – gehörte mit Max Liebermann und Paul Cassirer zu den Wegbereitern der Moderne.

An digitalen Stationen kann man tiefer in Themen einsteigen, wie Kuratorin Victoria Asschenfeldt zeigt.

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