1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Main-Kinzig-Kreis
  4. Hanau

Anschlag von Hanau: Attentäter bereitete Sexarbeiterin Todesangst – Waffenbehörde offenbar ahnungslos

Erstellt:

Von: Yvonne Backhaus-Arnold, Gregor Haschnik

Kommentare

Im Untersuchungsausschuss des Landtags zum Anschlag von Hanau berichtet ein BKA-Hauptkommissar. (Symbolfoto)
Im Untersuchungsausschuss des Landtags zum Anschlag von Hanau berichtet ein BKA-Hauptkommissar. (Symbolfoto) © Arne Dedert/dpa

Im Untersuchungsausschuss des Landtags zum Anschlag von Hanau berichtet ein BKA-Hauptkommissar über Erkenntnisse zum Vorleben des rechtsextremen Terroristen.

Hanau – Der Hanau-Attentäter hat eine Sexarbeiterin 2018 so heftig bedroht, dass sie Todesangst hatte. In einer Ferienwohnung soll Tobias R. ihr ein Gewehr, ein Messer und BDSM-Utensilien gezeigt und eine Art Drehbuch für die Nacht vorgestellt haben, an dessen Ende die Frau nicht mehr leben sollte. Weil ihr das Verhalten von R. Angst machte, verständigte sie einen Bekannten, der die Polizei rief. Diese sorgte dafür, dass die Betroffene gehen konnte, habe bei einer Durchsuchung aber lediglich einen Joint gefunden. Daraufhin wurde gegen R. nur wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz ermittelt.

Das geht aus Aussagen von Hauptkommissar S. hervor, der am Freitag Zeuge im Untersuchungsausschuss war. Laut dem BKA-Beamten wurde 2018, wegen des damaligen Ermittlungsverfahrens, die Zuverlässigkeit des seinerzeit in München lebenden Waffenbesitzers R. geprüft. Bei einem Termin in seiner Wohnung habe es beim Waffentresor nichts zu beanstanden gegeben.

Anschlag von Hanau: Waffenbehörde soll nicht von Auffälligkeiten gewussten haben

Der Kommissar zählte weitere Verfahren gegen Tobias R. auf: 2002, als er wegen paranoider Schizophrenie als Student in Bayreuth – er verbreitete Verschwörungstheorien und belästigte eine Kommilitonin – in die Psychiatrie gebracht wurde, leistete R. Widerstand gegen die Polizei. Eine Behandlung verweigerte er. 2007 soll er einen Wachmann verletzt und 2010 mit seinem Vater Sozialleistungsbetrug begangen haben.

Als R.s Waffenerlaubnis verlängert und 2019 auf einen europäischen Pass erweitert wurde, soll die zuständige Waffenbehörde des Main-Kinzig-Kreises nichts von den Auffälligkeiten in Bayern gewusst haben. Hauptkommissar S. sagte, die Verfahren hätten keine überregionale Speicherung gerechtfertigt. Wobei es wohl möglich gewesen wäre, selbst danach zu recherchieren.

Zumindest wurde dem Gesundheitsamt jedoch Anfang der 2000er-Jahre die Diagnose nach den Vorfällen in Bayreuth mitgeteilt. R. hatte zuvor eine verschwörungstheoretische Anzeige – die Ermittlungen wurden eingestellt – an das Polizeipräsidium Südosthessen geschickt. Dieses erkundigte sich in Bayern nach Erkenntnissen über R. Unklar ist, wie lange die Information im Gesundheitsamt gespeichert wurde.

Anschlag von Hanau: R. fühlt sich in Kindheit von Geheimdienst verfolgt

Nach den Worten von S. beschrieben Zeug:innen den Attentäter als introvertiert, aber intelligent. In ein paar Aussagen wurde R. als cholerisch bezeichnet. In Briefen wird deutlich, dass R. sich seit seiner Kindheit von einem Geheimdienst verfolgt fühlt, diesen für seine Beziehungslosigkeit verantwortlich macht. Später erstattet er Anzeige gegen eine Familie aus seinem Umfeld, deren Mitglieder er für Spione hält.

Nach dem Abitur in Hanau absolviert er seinen Zivildienst, macht eine Ausbildung zum Bankkaufmann, studiert, arbeitet dann unter anderem in der Versicherungsbranche. Im September 2018 kündigt er seine Stelle in München. Der gesundheitliche Zustand seiner Mutter hat sich stark verschlechtert. R. zieht wieder nach Hanau, beginnt im April 2019 mit der Arbeit an seinen Bekennertexten. Darin erklärt er bestimmte Nationen für nicht lebenswert. Ob es einen Schlüsselmoment für den Tatentschluss gab, lasse sich nicht mehr feststellen, erklärt Kommissar S.

Tobias R. beauftragt einen Illustrator und eine Webdesignerin. Beide geben an, keine Einsicht in Rs. Texte und Videos gehabt zu haben. Im November 2019 erstattet er Anzeige bei der Bundesanwaltschaft und bei der Staatsanwaltschaft Hanau. Auch sein Manifest schickt er an beide Behörden, 19 der später veröffentlichten 24 Seiten. Die rechtsradikalen Inhalte fehlen noch. Ebenfalls Ende 2019 beauftragt er Detektive, um dem vermeintlichen Geheimdienst auf die Spur zu kommen. Die Privatermittler lehnen die Aufträge ab. Im Februar 2020 bekommt einer von ihnen eine E-Mail von R.: Er solle dessen Website veröffentlichen, wenn R. sterbe.

Anschlag von Hanau: Graffitis von Website an mehreren Orten

Die Seite wird vor dem 19. Februar 2020 insgesamt 560-mal aufgerufen. Am 4. und am 13. Februar lädt R. hier Texte und Videos hoch. Eine Identifizierung der Nutzer:innen sei mangels Datenspeicherung nicht möglich gewesen, so der BKA-Beamte: „Wir sind in diesem Punkt nicht weitergekommen.“ Im Februar fertigt R. Skizzen an, Pläne, To-do-Listen. Spätestens hier steht fest, dass er eine rassistisch-terroristische Gewalttat in Hanau begehen wird „und eine möglichst große Zahl an Menschen ,mit Migrationshintergrund‘ töten will“. Seine „tief verwurzelte“ politische Gesinnung und seine psychische Erkrankung seien „unmittelbar verwoben“ gewesen, Hinweise auf Vernetzung mit Rechtsextremen nicht gefunden worden.

Ebenfalls im Februar sprüht Tobias R. an sieben Orten im Raum Hanau Graffitis von der Adresse seiner Website.

Trotz einiger Auffälligkeiten hätten den hessischen Behörden keine Hinweise zu R. – auch keine staatsschutzrelevanten – vorgelegen, die auf die Attentate hätten schließen lassen können, sagt S. Er betont zudem, dass die Ermittlungen des BKA sehr intensiv und umfangreich gewesen seien. Dennoch seien die Beamt:innen teilweise an Grenzen gestoßen. So hätten sich die letzten Stunden im Täterhaus nicht mehr rekonstruieren lassen, auch weil nur der Vater überlebt habe und mögliche objektive Beweismittel keine eindeutigen Schlüsse zuließen.

Ein Polizeiwissenschaftler hat Hinweise auf Ermittlungslücken bei der Aufarbeitung des Anschlages von Hanau entdeckt.

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion