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Angehörige, hier Armin Kurtovic (Mitte), legen bei der Gedenkveranstaltung auf dem Hanauer Markplatz Blumen nieder. Peter Jülich

Sechs Monate nach Anschlag

Gedenken an Hanau: „Blutspur des Rechtsextremismus“

150 Menschen gedenken der Opfer und fordern, dass ein solcher Anschlag nie mehr passieren darf.

Mercedes Kierpacz war alleinerziehende Mutter eines 16-jährigen Sohnes und einer neunjährigen Tochter. Sie hatte das Leben geliebt. War ein leidenschaftlicher Eintracht-Fan gewesen. Eine Freundin beschrieb sie als eine Frau mit starker Persönlichkeit.“

„ Sedat Gürbüz hatte die Midnight Bar am Heumarkt eineinhalb Jahre lang betrieben und hatte noch viele Ziele. Er hatte für jeden ein offenes Ohr. Viele seiner Kunden nannten ihn einen geliebten Bruder.“

Es ist still am Mittwoch auf dem Marktplatz, als Selma Yilmaz-Ilkhan vom Institut für Toleranz und Zivilcourage - 19. Februar Hanau Kurzbiografien der neun Hanauer vorliest, die vor sechs Monaten während des rassistischen Anschlags ermordet wurden. Später, vor der Schweigeminute um 19.02 Uhr, wird Yilmaz-Ilkhan sagen, dass sie unterschiedliche Geschichten und Talente hatten, „ ganz individuell“ waren, „ wie Sie und ich“ .

Sie mahnt: „ Durch unser Land zieht sich eine Blutspur des Rechtsextremismus.“ Mit 200 Todesopfern seit 1990. Verbale werde zu realer Gewalt. „ Wir tragen alle Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder passiert.“

Mehr als 150 Menschen haben am Mittwoch der Opfer des 19. Februar gedacht und sich für einen entschlossenen Kampf gegen Rassismus sowie für eine lückenlose Aufklärung der Tat starkgemacht. Das Institut hatte die Veranstaltung organisiert. Ihm gehören neben Angehörigen der Getöteten frühere und aktuelle Mitglieder des Ausländerbeirates an. Der Verein kümmert sich um Betroffene und will Hass und Ausgrenzung mit politischer Bildung entgegenwirken.

Während des Gedenkens standen Stühle mit Bildern der Getöteten und Zusammenfassungen ihrer Biografien am Brüder-Grimm-Denkmal. Nach dem Schweigen legten Verwandte und Freunde Rosen am Denkmal nieder. Dort hängt ein Banner mit Fotos der Hanauer und den Leitsätzen „ Wir werden euch nicht vergessen“ und „ Die Opfer waren keine Fremden“ . Am dahinter stehenden Neustädter Rathaus hat die Stadt kürzlich ein neues Banner aufgehängt, mit der Aufschrift „ Kein Platz für Rassismus und Gewalt - Hanau steht zusammen - Für Respekt, Toleranz und Zivilcourage.“

Hanaus OB Claus Kaminsky (SPD) versprach in seiner Rede, die Stadt werde immer bei den Familien sein, die einen Anspruch auf Aufklärung hätten, sie unterstützen und das Gedenken fördern. Hanau werde den schrecklichsten Tag, den es in Friedenszeiten erlebt habe, niemals vergessen.

Die Stadt plant unter anderem eine Gedenkstätte. Nach einer Ausschreibung soll eine von den Angehörigen gebildete Jury aus den eingegangenen Vorschlägen fünf, die in die engere Wahl kommen, bestimmen.

Am Mittwoch wurde nicht nur in Hanau, sondern bundesweit in gut 30 Städten der Opfer gedacht und zum Einsatz gegen Rechtsextremismus aufgerufen.

Newroz Duman von der Initiative 19. Februar ging in ihrem Redebeitrag auf dem Hanauer Marktplatz auf die großen Lücken in der Aufklärung ein und sagte, die Verwandten und Freunde der Ermordeten sowie die Überlebenden „ haben in den vergangenen sechs Monaten intensiv für ihre Forderungen gekämpft“ . Wären sie nicht laut und sichtbar gewesen, wäre kaum etwas passiert. Daher werden sie weiter Druck machen, damit endlich Konsequenzen aus der Tat gezogen werden, kündigte Duman an.

Selma Yilmaz-Ilkhan, die auch Vorsitzende des Ausländerbeirates ist, sagte, durch den Anschlag sei ein „ langer Schatten auf unsere Gesellschaft gefallen“ . Von Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus gehe die größte Gefahr aus. Deutschland sei ein sehr freiheitliches Land, jedenfalls noch. Die Rassisten griffen diese Freiheit „ und unser Hanau an“ .

Alle müssten sich dem entgegenstellen. Deshalb rief Yilmaz-Ilkhan dazu auf, an der großen Demonstration am Samstag in Hanau teilzunehmen. „ Seien Sie dabei und zeigen Sie Flagge gegen Rechts.“

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