Hanau

Eingesperrt und misshandeltin Hanauer Sekte

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Im Mordprozess am Landgericht Hanau belastet eine ihrer Adoptivtöchter die angeklagte Sektenführerin Sylvia D.

In Darmstadt „war die Welt noch in Ordnung, es begann nach dem Umzug nach Hanau“, sagt Ulrike D.: Die ständigen Anschuldigungen von Sylvia D., sie und die anderen Adoptivkinder hätten etwas kaputt gemacht; das Einsperren ins Zimmer, das sie demnach fast nur für die Schule verlassen konnte und wo sie ihre Notdurft in Schüsseln verrichten musste; die vielen Predigten, die Sylvia D. als „Sprachrohr Gottes“ hielt; und die Gewalt: Sie habe Ulrike D. an den Ohren gezogen, bis diese rissen, und ihr eine so heftige Ohrfeige verpasst, dass die Tochter gegen eine Wanne prallte und Zähne brachen. Sylvia D. habe dazu sinngemäß nur gesagt: „Da bist du aber blöd gefallen.“

Im Prozess gegen Sektenchefin Sylvia D. hat am Donnerstag deren Adoptivtochter Ulrike D. ausgesagt und die 72-Jährige vor der ersten großen Strafkammer des Landgerichts belastet – während ihre Mutter sie oft anschaute, ja anstarrte, mit kaltem Zorn im Blick. Die Tochter merkte dies, sagte aber umfangreich aus.

Die Staatsanwaltschaft hat Sylvia D. wegen Mordes am vierjährigen Jan H. angeklagt, den Claudia und Helmut H. – Anhänger D.s – in die Obhut der Anführerin gegeben hatten. Die damals 41-Jährige habe den Jungen im August 1988 in einem Sack ersticken lassen, da sie ihn als vom Bösen besessen betrachtete. D. weist die Vorwürfe zurück.

Die 47-jährige Ulrike D. erinnert sich, ihre Adoptivmutter habe Jan so laut angeschrien, dass Beschimpfungen wie „Sadist“ und „gemeine Drecksau“ in ihr Zimmer drangen. Sie habe beobachtet, wie Sylvia D. dem Kind Brei in den Mund stopfte, mit einem Löffel und ihren Händen. Wie er im Bad gelegen habe, komplett eingeschnürt in einen Sack. Doch das schrecklichste Ereignis war am 17. August 1988. Ulrike D. schildert es so: Sie kam heim, ging in ihr Zimmer und sah Jan H. auf der Couch. „Jan, warum liegst du hier nackt?“, fragte sie und fasste an seinen Oberschenkel. „Er zeigte keine Reaktion, war ganz kalt.“ Er sei erstickt, sagte ein Erwachsener ihr kurz darauf. Jan H.s Tod ließ Ulrike D. lange Zeit nicht los. Wegen des Traumas fiel es ihr als Altenpflegerin schwer, sterbende Senioren zu betreuen. Einmal brach sie deshalb zusammen. Danach verarbeitete sie ihre Erfahrung während einer Therapie und lernte damit umzugehen.

Mitgefühl für Jan zeigt sie nach wie vor: Als das Gericht das Foto des nach unten schauenden Lockenkopfs zeigt, weint Ulrike D. Ja, so habe sie ihn in Erinnerung: dünn, traurig, eingeschüchtert.

Ulrike D. sagt auch aus, ihre Adoptivmutter habe sie gedrängt, ihre erste Tochter zur Adoption freizugeben. Die FR berichtete dies bereits 2015. Angeblich habe Gott die Freigabe gewollt. Die junge Mutter behielt ihr Kind zunächst, willigte aber schließlich schweren Herzens ein, weil „ich draußen keine Hilfe hatte“.

Die Jahre in Hanau seien die Hölle gewesen: Sie habe im Zimmer kein Spielzeug gehabt und die Matratzen daher manchmal zu Turnmatten umfunktioniert. Weil sie zumeist nichts als Minztee und trockenes Brot bekommen hätten, „haben wir den Brotteig gekugelt und auf die Heizung gelegt“, um etwas Warmes zu haben. Bei den immer wiederkehrenden Vorwürfen und Schlägen habe Ulrike D. irgendwann angefangen, etwas zuzugeben, das sie gar nicht getan habe. Sie dachte, Sylvia D. würde sie sonst umbringen.

Als die Schule mal früh endete, ging die sonst isoliert lebende Ulrike D. mit zu einer Klassenkameradin. Dort habe sie zum ersten Mal fürsorgliche Eltern erlebt, die Essen brachten. „Ich habe es aufgesaugt.“ Anvertrauen konnte sie sich nicht. Sie habe zu viel Angst gehabt und zu wenig Hoffnung, dass man ihr glaubt. gha

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