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Eindringliche Stille

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Von: Yvonne Backhaus-Arnold

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Jugendliche organisieren Gedenken am Kurt-Schumacher-Platz in Hanau.

Gebückt gegen den Sturm, die Kapuzen über die Köpfe gezogen, steuern sie den Kurt-Schumacher-Platz an. Aus allen Richtungen kommen die Menschen, einzeln, zu zweit, in kleinen Gruppen. Autos suchen Parkplätze. Am Denkmal für Vili Viorel Paun liegt ein Blumenmeer. Ein Kameramann filmt die Szene. Es ist kurz nach halb zehn am Samstagabend. Der Platz füllt sich von Minute zu Minute.

Das evangelische Jugendzentrum K-town hat eingeladen zu der Gedenkveranstaltung. Am Heumarkt, dem ersten Tatort, gedenken sie ebenfalls. Viele junge Leute sind nach Kesselstadt gekommen: Freunde, Klassenkameraden, Arbeitskollegen der Ermordeten.

Die Familien der Opfer sind da, stehen zusammen. Oberbürgermeister Claus Kaminsky und seine Frau Petra Lindemann grüßen in die Runde. Trotz der vielen Menschen ist es still.

An den Scheiben der Arena-Bar hängen Transparente: „Kesselstadt gegen Rassismus“ und „Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst“, ein Satz, den der ermordete Fehrat Unvar irgendwann einmal geschrieben hat. An diesem Abend liest man ihn an vielen Orten in Kesselstadt.

Im Eingang neben dem zweiten Tatort des 19. Februar 2020 versuchen Menschen, Kerzen zu entzünden, so, wie sie es am ersten Jahrestag gemacht haben. Eine Mitarbeiterin des Familienzentrums Nordwest, die die Gläser eigentlich verteilen wollte, schüttelt den Kopf. „Schon wieder aus!“ Der Wind, der um das Hochhaus und über den Platz fegt, macht den geplanten Lichterkorridor unmöglich.

Rechts und links des Eingangs stehen Lautsprecher. Es ist wenige Minuten vor 22 Uhr. Antje Heigl tritt ans Mikrofon. Seit 30 Jahren ist sie Sozialarbeiterin im JUZ. Sie kannte einige der neun Ermordeten – manche von Kindheit an.

Wachsam sein müsse man gegenüber einer rassistischen Stimmung – auch im Stadtteil, in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, sagt sie. Hass und Hetze müsse man entgegentreten, den Mund aufmachen – immer und überall. „Das sind wir den Opfern schuldig“, so Heigl.

Leiser Applaus. Dann tritt Kaminsky ans Mikrofon. „Dankeschön, dass Sie hier sind“, ruft er den Menschen auf dem Platz zu. Das sei wichtig, um den Angehörigen der Opfer auch heute wieder zu zeigen: Ihr seid nicht alleine. Sich gegen rassistische Äußerungen zu stellen, auch im Alltag – das fordert er. Und: Niemals vergessen. Immer erinnern. Die Namen sagen.

Karim Kurtovic, der jüngere Bruder des ermordeten Hamza, tut dies schließlich. Er erinnert. Name um Name liest er vor, das Publikum wiederholt sie. Dazwischen immer eine Minute des Schweigens. Der Tag, sagt Vater Armin Kurtovic später, sei vorbeigeflogen. „Aber es ist schön, wenn man weiß, dass man nicht alleine ist.“

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