Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Auf dem Marktplatz in Hanau wird an die Opfer des rassistischen Terroranschlags erinnert. Renate Hoyer
+
Auf dem Marktplatz in Hanau wird an die Opfer des rassistischen Terroranschlags erinnert. Renate Hoyer

Anschlag in Hanau

Ein Jahr nach Hanau: Über den Terror sprechen

  • Hanning Voigts
    VonHanning Voigts
    schließen

Der Streaming-Dienst „Spotify“ arbeitet in einem sechsteiligen Podcast den Anschlag von Hanau auf. Dabei geht es auch um Rassismus und die Frage, wie man angemessen über rechten Terror sprechen kann.

Am Anfang waren nur ein Mikrofon, ein offenes Ohr und jede Menge Fragen. Ende vergangenen Jahres war die Hamburger Reporterin Alena Jabarine in Hanau, um mit den Opfern und Hinterbliebenen des rassistischen Anschlags vom 19. Februar vergangenen Jahres zu sprechen. Sie habe sehr viel Zeit mit den Familien der Ermordeten verbracht und lange Interviews geführt, berichtet Jabarine im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Es seien „schwierige und emotionale Interviews“ gewesen. „Es war extrem herausfordernd, auch weil die Tat noch so frisch war.“

Gemeinsam mit der Journalistin und Autorin Seyda Kurt und der Journalistin und Podcasterin Sham Jaff hat Jabarine zum Jahrestag des Attentats die sechsteilige Podcast-Serie „190220 – Ein Jahr nach Hanau“ für den Audio-Streamingdienst „Spotify“ produziert. In den jeweils rund 40 Minuten langen Folgen, die seit Ende vergangener Woche nach und nach auf Spotify erscheinen, kommen die Betroffenen mit ihrer Trauer, ihren Forderungen und ihrer Kritik an den Behörden zu Wort, parallel versuchen die Macherinnen, die Vorgeschichte und den gesellschaftlichen Kontext des Terrors auszuleuchten. Sie haben mit Expertinnen wie der Opferanwältin Antonia von der Behrens, der Frankfurter Journalistin Hadija Haruna-Oelker und Saba-Nur Cheema von der Bildungsstätte Anne Frank gesprochen. Sie thematisieren die Kontinuität rechten Terrors in der Bundesrepublik, den medialen Umgang mit dem Anschlag und das Thema Rassismus.

Die enge Zusammenarbeit mit den Opfern sei herausfordernd und teils belastend, aber journalistisch sehr befriedigend gewesen, sagt Alena Jabarine, „weil wir den Betroffenen wirklich viel Raum geben konnten“. Es habe sie besonders beeindruckt, wie engagiert die Hinterbliebenen für Aufklärung und Gedenken kämpften, wie sie sich selbst ermächtigt hätten. Sehr wichtig sei ihr, dass die Kritik der Opfer Raum im Podcast bekomme, ihre Fragen nach dem nicht funktionierenden Notruf in der Tatnacht, nach dem Umgang mit dem schon vor der Tat auffälligen Täter. „Ich sage gar nicht, dass man den Anschlag hätte verhindern können“, sagt Jabarine. „Aber es ist an so vielen Stellen unsauber gearbeitet worden.“

Der Podcast

Der Podcast „190220 – Ein Jahr nach Hanau“ erscheint auf dem Streaming-Dienst Spotify. Um ihn zu hören, muss man dort einen Account anlegen. Es genügt , die kostenfreie Variante zu nutzen, man braucht keinen kostenpflichtigen Premium-Account.

Der Podcast, so sagt es Jabarine, werfe daher auch die Frage auf, ob die Behörden in der Tatnacht und nach dem Anschlag anders gehandelt hätten, respektvoller vielleicht, verständnisvoller, wenn die Opfer Weiße gewesen wären. Und ob mit dem Täter anders umgegangen worden wäre, wenn er kein weißer Rechter gewesen wäre. Das Thema Rassismus beim Täter, bei den Behörden und in der Gesellschaft zieht sich durch die ganze Serie.

Ihr sei bei der Arbeit an dem Podcast noch einmal bewusst geworden, wie schwierig es sei, den richtigen Ton zu treffen, wenn über rassistischen Terror gesprochen werde, sagt Seyda Kurt. „Uns fehlt zum Teil noch die Sprache für das, was in Hanau passiert ist.“ Die Opfer seien von ihren Hintergründen, Familien und Biografien her beispielsweise extrem divers, es eine sie aber, dass sie im rassistischen Weltbild des Täters eben „nicht deutsch“ waren. Es sei wichtig, die Opfer nicht als „Muslime“ oder „Migranten“ in eine Schublade zu stecken, sondern die Komplexität der Realität anzuerkennen, so Kurt. „Wir haben ja schon beim NSU gesehen, dass die Opfer alle über einen Kamm geschoren wurden.“ Im Podcast werden von Rassismus betroffene Menschen daher „Rassifizierte“ genannt, um hervorzuheben, wie sie erst durch den rassistischen Blick zu einer einheitlichen Gruppe gemacht werden. Diese Entscheidung ist, so sagen es Kurt und Jabarine, auch unter den Macherinnen umstritten gewesen. Kurt findet, solche Fragen müssten Medienschaffende und die Gesellschaft weiter umtreiben. „Wir sind echt noch am Anfang bei vielem.“

Der Podcast kreist auch um die Frage, ob der Anschlag von Hanau eine Zäsur bedeutet. Während das für die Angegriffenen eindeutig bejaht werden muss, ist die Sache für die Gesamtgesellschaft laut der Einschätzung von Seyda Kurt schon weit weniger eindeutig. Viele Angehörige der weißen Mehrheitsgesellschaft fühlten sich durch den Terror gar nicht betroffen, rechter Terror sei kein neues Phänomen. Viele Menschen, die von Rassismus betroffen seien, habe der Anschlag von Hanau dagegen extrem getroffen – und gerade junge Leute auch politisiert.

Letztlich, sagt Alena Jabarine, könne der Podcast all diese Fragen nur antippen. „Wir reißen vieles an und legen den Finger in viele Wunden, aber wir können keine endgültigen Antworten liefern.“ Die Macherinnen hoffen, dass ihre Serie viele Menschen erreicht – vielleicht gerade diejenigen, die der Terror von Hanau bisher nicht besonders umtreibt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare