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Gerichtsschreiber (Dieter Gring, links) und Richter Adam (Hartmut Volle).
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Gerichtsschreiber (Dieter Gring, links) und Richter Adam (Hartmut Volle).

Hanau

Der Richter und seine Laster

  • Detlef Sundermann
    VonDetlef Sundermann
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Die Brüder-Grimm-Festspiele mit Premiere „Der zerbrochne Krug“.

Was haben das Märchen „Rotkäppchen“ und das dramatische Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ gemeinsam? Beiden Stücken mangelt es nicht an hohem Bekanntheitsgrad; und darum kann es bei der einen oder anderen Inszenierung zu einer zeitgemäßen Neuausrichtung kommen. Nicht so bei dem Heinrich von Kleist-Stück, das am Freitagabend bei den Brüder-Grimm-Festspielen in der Reihe „Grimm Zeitgenossen“ Premiere feierte. Intendant Frank-Lorenz Engel setzte die Geschichte um den niederträchtigen Dorfrichter Adam vor sparsamer Kulisse solide in Szene, ganz nach Vorlage. Frei durften hingegen die Darsteller:innen von Corona-Auflagen agieren, was - Impfungen und Tests sei Dank - dem Schauspiel zugute kommt. Auf Distanz sitzt lediglich das Publikum im Amphitheater.

premierenrausch

Schneeweißchen und Rosenrot, Dienstag, 6. Juli, 16 Uhr.

Der Rattenfänger von Hameln, Donnerstag, 8. Juli, 19.30 Uhr.

Ich, Hölderlin!, Sonntag, 23. August, 20 Uhr.

Karten zu den Premieren und anderen Aufführungen gibt es bei den bekannten Vorverkaufsstellen. sun

Der Spielplan ist zu finden unter ww.festspiele-hanau.de

Die Inspiration zu dem Schauspiel fand Kleist in einem Kupferstich mit einer Gerichtsszene, die zu einem Standbild seines Stücks werden sollte. Er schuf mit dem Zerbrochnen Krug ein zeitloses Werk. Ein analytisches Drama im Gewand einer Komödie, in der der wahre Kern der Figur Adam im Prozessverlauf freigelegt wird. Er lügt, legt falsche Spuren, um seinen Kragen zu retten. Das erinnert an manche heutige Person des öffentlichen Lebens, bei der ein Makel aufgebrochen ist. Adam entspricht überdies nicht der Vorstellung einer integeren Amtsperson. Er gibt sich der Völlerei und der Wollust hin, letzteres zur Not auch mit einer üblen Finte, um zur nächtlichen Stunde in die Kammer der Eve, Tochter der späteren Klägerin Marthe Rull, in lüsterner Absicht zu gelangen. Heutzutage ein klarer Fall von #Metoo.

Engel lässt die Figuren in historisierten Kostümen und in dem Kleistschen Zeit entsprechenden Ambiente agieren, dessen Hintergrund eine graumarmorierte Fläche bildet. Historisch auch die Sprache in Blankversen, die dennoch nicht bräsig wirkt, weil Kleist ihr mit dosierter Derbheit gepaart mit Wortwitz Lebendigkeit gab. Hartmut Volle geht in die Verkörperung des heruntergekommenen Adam souverän auf, changierend zwischen rücksichtsloser Gerissenheit und tölpelhaftiger Komik. Ein schlichter unsympathischer Typ. Amtsrat Walter aus Utrecht, der den Prozess prüfend beiwohnt, stellt den Antipoden dar, charakterlich wie auch äußerlich mit einem papageiengelben Frack. Der Distinguierte ist die Kraft von außen, die wieder Recht noch Ordnung in das Dorf bringt. Klägerin Rull (Barbara Krabbe) tritt als nervig keifend klagendes Weib in Schwarz vor das Gericht, um ihr Recht einzufordern, die Bestrafung des Krugzerstörers. Tochter (Katja Straub) und ihr Liebster, der Beschuldigte Ruprecht (Florian Rast), setzen ihre Rolle der einfachen Leute, die unverschuldet in Bedrängnis geraten sind, ohne Tadel um.

Dass Engel das Werk eng in das Korsett des Originals gefasst hat, ist nicht zu beanstanden. Geht es doch bei „Grimm Zeitgenossen“ wohl um die Dokumentation von Theater in der Romantik, in der die Grimmschen Märchen entstanden. Das Stück lässt jedoch auch so manche Lesart - allein die Namen Adam und Eve, und die Flucht des Richters aus seinem Gericht, eine Vertreibung aus seinem Paradies - und damit einen weiten künstlerischen Spielraum zu, um es ohne Plumpheit etwas in die Gegenwart zu transformieren und es so ein bisschen mehr atmen zu lassen.

Am Ende sind alle wieder zusammen - beim Schlussapplaus.

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