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Nephrit-Brosche, willkürliche Färbung versus strenge Geometrie.

Hanau

Werkschau von Pavel Opocenský in Hanau

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Das Deutsche Goldschmiedehaus in Hanau zeigt eine Werkschau von Pavel Opocenský.

Es bedarf für manches Schmuckstück aus dem Atelier, oder treffender: der Werkstatt, von Pavel Opocenský eine breite Brust, so wie sie der Künstler selbst augenscheinlich hat. Und gelegentlich benötigen die Stücke ob ihrer Schwere auch einen steifen Stoff. Dass nämlich Broschen den Träger beiderlei Geschlechts dezent zieren sollen, diese These widerlegt in Teilen die nun im Deutschen Goldschmiedehaus eröffnete Sonderschau mit Arbeiten des renommierten Prager Schmuckkünstlers. Zum 65. Geburtstag des Avantgardisten werden in einer Retrospektive unter dem Titel „3/4 of my life“ knapp 200 Stücke aus vier Jahrzehnten des Schaffens präsentiert. Es ist ein spannungsreicher Bogen gestaltungsreichen Ausdrucks.

Das traditionelle Material seines Lehrberufs als Goldschmied an der Fachoberschule für Schmuckdesign hat Opocenský offenbar schon bald beiseite gelegt. Vielleicht auch, weil einer seiner Ausbildungsschwerpunkte Modeschmuckdesign war. Eine Sparte, die nicht zuletzt in den 1970er Jahren von der Materialverfügbarkeit in der damaligen Tschechoslowakei eingeschränkt wurde. Stahl, Titan, Granit oder andere Steinarten und Elfenbein bilden Opocenskýs Materialportfolio. Aber auch ausgediente Dinge des Alltags aus Bakelit, PVC, Holz oder Metallteile von Maschinen arbeitet Opocenský zu Schmuck - zumeist Broschen - um.

Pavel Opocenský wurde 1954 in Karlovy Vary, Tschechoslowakei geboren. Er lebt und arbeitet heute in Prag.

1972 und 1974 lernte er an der Fachoberschule Jablonec und Turnov unter anderem Goldschmied.

Die Ausstellung „3/4 of my life“ ist bis 17. Oktober im Deutschen Goldschmiedehaus, Altstädter Markt 6, zu sehen, dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr. sun

Letztere stellen für den 65-Jährigen auch eine Suche im oft Unbekannten dar. Das Schneiden der Gegenstände in Scheiben „gibt mir die Möglichkeit, unbemerkte und unsichtbare Strukturen, die technischen Details der ursprünglichen Funktion, die in Industrieprodukten versteckt sind, zu entdecken und zu erforschen“, notiert Opocenský. Der Entstehungsprozess wird in der Ausstellung mit Entwurfsskizzen dokumentiert.

Die Oberflächen seiner Werke besitzen mitunter etwas Skulpturhaftes, was Opocenský zweitem künstlerischem Standbein als Bildhauer geschuldet ist. So wenig wie er sich in den Jahrzehnten seines Schaffens auf einen materiellen Schwerpunkt festlegen lässt, so wenig lässt er sich in eine Formenschublade stecken. Mal sind die Oberflächen glatte und sanfte Ebenen, dezent in der Farbgebung gehalten, mal in satten Farben und von zerklüfteten Gestalt. In seinen New Yorker Jahren von 1987 bis 2000 entdeckte er Elfenbein, Quarzkristall und Mischkristall Nephrit. Broschen aus Metall oder Holz wirken mit ihren Rädchen auf Achsen wie mechanische Objekte, die eine irrwitzige Funktionalität vorgeben.

Es sind vor allem geometrische Strukturen, die ihn beschäftigen - und die sich wegen der Größe der Stücke besonders präsentabel zeigen. Gelegentlich zeigen sie eine surrealen Stil, wie die Broschen der Serie „Colocircol“, die mit etwa 10,5 mal 7,5 Zentimeter eine typische Größe haben.

Diese Brosche nennt sich „Clown“, Kunstsoff 1992.

Opocenský stellt Unikate her, kann aber dennoch als künstlerischer Serientäter gelten. Die Unikate sind Mutationen innerhalb einer Serie, die etwa „Colocircol“, „Titanidol“ oder „Erosboard“ heißen, mit denen er die Gestaltungsmöglichkeiten eines Entwurfs auf Papier oder der Fertigung auslotet.

Das Goldschmiedehaus bietet eine beeindruckende Auswahl seiner Werke. Einen aufwendig gestalteten Katalog gibt es auch dazu. Der hat seinen Preis: 94 Euro müssen Interessierte dafür auf den Museumsthresen legen.

Weitere Infos gibt es im Internet unterwww.goldschmiedehaus.com

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