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Die Getöteten sollen niemals in Vergessenheit geraten. Während der Trauerfeiern und Demonstrationen wurde immer wieder an sie erinnert.

Anschlag von Hanau

Interview - Ein Monat nach Hanau-Attentat: „Angst vor weiteren Anschlägen“

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Newroz Duman von der „Initiative 19. Februar Hanau“ spricht im FR-Interview über Drohungen an Hanauer und die Auswirkungen der Coronakrise auf Hilfsangebote. 

Hanau - Ein Monat ist seit dem rassistischen Terroranschlag von Hanau vergangen. Die Öffentlichkeit befasst sich kaum noch mit dem Attentat. Newroz Duman und ihre Mitstreiter von der „Initiative 19. Februar Hanau“, die sich von Anfang an für die Betroffenen engagieren, wollen das ändern. Vor dem Interview hat Duman noch ein längeres Gespräch mit Angehörigen geführt. Die vergangenen Wochen haben viel Kraft erfordert, doch die Aktivistin spricht, wie sie es immer tut, mit Entschlossenheit in der Stimme.

Frau Duman, wie ist die Initiative 19. Februar entstanden?
Wir kämpfen seit vielen Jahren für Solidarität und gegen Rassismus, zum Beispiel in der Bewegung „Solidarität statt Spaltung“. Der Anschlag hat uns alle schockiert. Gleichzeitig haben wir von Beginn an versucht, den Betroffenen Aufmerksamkeit zu widmen, Kontakt zu den Angehörigen aufzunehmen, sie zu unterstützen.

Am 21. Februar haben Sie bei Mahnwachen an den Tatorten als Erste Namen von Getöteten verlesen. Weshalb war Ihnen das wichtig?
Die Opfer dürfen nicht in Vergessenheit geraten, niemals! Jeder soll sich an sie und ihre Namen erinnern, nicht an den Täter. Hinzu kam: Während der Gedenkveranstaltung auf dem Marktplatz am Tag zuvor, an der viele Bundes- und Landespolitiker teilnahmen, haben die Betroffenen keinen Raum bekommen. Das wollten wir ändern, auch indem wir eine Gedenkminute eingelegt und Angehörigen die Möglichkeit gegeben haben, etwas zu sagen.

Welche Ziele hat die Initiative?
Wir haben kein fertiges Konzept, sondern wollen gemeinsam mit direkt und indirekt Betroffenen sowie anderen Menschen, die sich einbringen wollen, entscheiden. Wichtig ist, nicht nur ein paar Wochen aktiv zu sein und dann wieder zur Tagesordnung überzugehen. Es braucht ein jahrelanges Engagement. Viele Menschen sind stark traumatisiert, viele Fragen zur Tat und ihren Hintergründen sind offen. Wir möchten weiter den Angehörigen zur Seite stehen, die Aufklärung forcieren, dringend notwendige Debatten über Ausgrenzung anstoßen, ihr entgegenwirken – und dafür eine feste Anlaufstelle in Hanau schaffen. Sie soll ein Ort der Erinnerung und Begegnung werden.

ZUR PERSON

Newroz Duman ist Aktivistin, Sozialarbeiterin und engagiert sich seit Jahren gegen Rassismus, etwa in den Gruppen „Solidarität statt Spaltung“, der unter anderem der DGB und das Kulturzentrum Metzgerstraße angehören, sowie „We‘ll come united“.

Wer sich einbringen will, findet mehr Infos auf www.19feb-hanau.org. gha

Auch nach dem Anschlag gab es in Hanau Hass und Drohungen: So wurden Hakenkreuze an Klingelschilder von Migranten geschmiert, erhielten Moscheen und Hanauer mit Migrationsgeschichte Drohbriefe.
Und viele Drohungen werden erst gar nicht bekannt, weil die Betroffenen aus Angst nicht zur Polizei gehen, oder aus Resignation. Die Dunkelziffer ist hoch. Viele Menschen hier leben in Angst, auch vor weiteren Anschlägen. Manche gehen in der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße, Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr alleine raus. Das zeigt, wie ernst die Lage ist. Alltagsrassismus ist auch hier weit verbreitet, Betroffene bekommen ihn beispielsweise in der Schule, von Mitschülern und Lehrkräften, bei der Wohnungs-, Jobsuche oder auf Ämtern zu spüren. Nach den Anschlägen haben sich viele geöffnet und davon berichtet. Wir wollen Druck machen, damit Rassismus endlich richtig bekämpft wird, auf allen Ebenen.

Was bewegt die Angehörigen in diesen Tagen?
Sie sind nach wie vor in tiefer Trauer, traumatisiert. Erschwerend kommt hinzu, dass das Thema in letzter Zeit untergegangen ist, auch in der Politik. Das trifft die Betroffenen. Und bei staatlichen Hilfen hängen einige von ihnen schon länger in der Warteschleife, obwohl die Zeit drängt.

Wie wirkt sich die Corona-Krise aus?
Unterstützende Angebote brechen zusammen, ohne dass es einen Notfallplan gibt. Dabei ist eine intensive Unterstützung in den ersten Monaten nach so einem Einschnitt besonders wichtig. Die Zahl der Traumatisierten dürfte insgesamt im dreistelligen Bereich liegen. Es gibt eine ganze Reihe von Hanauern, die knapp überlebt haben. Viele andere haben Verwandte und enge Freunde verloren. Das Virus muss selbstverständlich ernst genommen werden, aber derzeit verdrängt es alles andere – auch die derzeitige Gewalt gegen Flüchtlinge an den europäischen Außengrenzen.

Die Ermittlungsbehörden haben sich seit Wochen kaum bis gar nicht mehr geäußert, nachdem sie zuvor den Eindruck erweckt haben, von der These des isolierten Einzeltäters überzeugt zu sein. Was halten Sie davon?
Uns ist klar, dass Ermittlungen Zeit brauchen und nicht sofort alle Ergebnisse kommuniziert werden können. Aber gerade in diesem Fall kommt es darauf an, Zwischenstände zu vermitteln und deutlich zu machen, dass das Thema Priorität hat. Auch um den zahlreichen Fake-News, die immer noch weit verbreitet sind, schnell etwas entgegenzusetzen.

Nach unseren Informationen sind vor kurzem plötzlich Polizisten bei Angehörigen aufgetaucht und haben diese ermahnt, Abstand vom Vater des Attentäters zu halten, wenn er wieder nach Hause kommt. Wie bewerten Sie dieses Vorgehen?
So kann man mit den Angehörigen von Mordopfern nicht umgehen. Da müssen sich Beamte Zeit nehmen. Und gleichzeitig überzeugend darlegen, dass sie alles tun, um den rassistischen Anschlag aufzuklären – umfassend.

Wie empfanden Sie die Berichterstattung über die Attentate?
Die Angehörigen und wir haben sowohl gute als auch schlechte Erfahrungen gemacht. Es gab Journalisten, die relativ empathisch waren und an einer intensiven Recherche interessiert waren und solche, die die Betroffenen bedrängt haben, möglichst viel aus ihnen „rauspressen“ wollten. Das war abstoßend. Die allermeisten Reporter sind nach zwei Wochen weg aus Hanau. Doch jetzt ist es wichtig, dranzubleiben. Wir wollen unseren Beitrag zur Aufklärung leisten, damit den Worten endlich Taten folgen.

Interview: Gregor Haschnik

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