+
An den beiden Tatorten gedenken viele Menschen der Opfer mit Blumen, Fotos und Kerzen.

Anschläge

Angehörige der Terroropfer von Hanau fordern Akteneinsicht

  • schließen

Auch zwei Monate nach dem Terror in Hanau bleiben bei den Angehörigen viele quälende Fragen offen. Der Polizei und dem Generalbundesanwalt werfen sie Intransparenz vor.

In einer gemeinsamen Erklärung fordern Angehörige der Opfer der rechtsextremen Anschläge am 19. Februar, Überlebende sowie ihre Rechtsbeistände Einsicht in die Ermittlungsakten des Generalbundesanwalts – oder Gespräche, in denen sie über den aktuellen Stand informiert werden. Darüber hinaus kritisieren sie die „bisherige Politik der Intransparenz“ der Polizei sowie des Generalbundesanwalts. Dies führe zu einer „weiteren Belastung“ der Betroffenen.

Zu den vielen Fragen, die immer noch nicht beantwortet wurden und die Angehörigen quälen, gehören: Wie sind ihre Verwandten gestorben, mussten sie vor ihrem Tod noch leiden? Wie war der Tatablauf, gab es Verzögerungen beim Eingreifen von Polizei und Rettungsdienst? Wann hatte Attentäter Tobias R. zuvor Kontakt mit der Polizei, welche Konsequenzen wurden daraus gezogen? Warum wurden Handys der Getöteten und der Überlebenden sichergestellt und teilweise nach wie vor nicht zurückgegeben?

Dass die Generalbundesanwaltschaft nicht informiere, vergrößere die Unsicherheit der Betroffenen. Zudem führe es zu Vermutungen darüber, ob es etwas zu vertuschen gebe.

Die Anschläge

Am 19. Februar ermordete der 43-jährige Tobias R. in Hanau aus rassistischen Motiven neun Menschen: Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Said Nesar Hashemi, Sedat Gürbüz, Fatih Saraçoglu , Vili Viorel Paun, Hamza Kurtovic, Ferhat Unvar und Gökhan Gültekin. Danach tötete er seine Mutter und sich selbst. gha

Auf FR-Anfrage wollte sich die Behörde nicht konkret zu den Fragen und Forderungen äußern. Sie teilte nur mit, die „umfangreichen und komplexen Ermittlungen“ dauerten an. „Nach deren Abschluss werden wir selbstverständlich die Betroffenen in geeigneter Form über die abschließenden Ermittlungsergebnisse informieren“, sagte ein Sprecher. Betroffene, die sich an den Generalbundesanwalt wendeten, erhielten Nachricht. Weitere Angaben könnten nicht gemacht werden.

Die Verfasser des Appells sehen keinen Grund, eine Akteneinsicht oder Gespräche zu verweigern. Schließlich gelte R. als Einzeltäter. Es würde das Ermittlungsziel somit nicht gefährden, die berechtigten Fragen zu beantworten. Die Betroffenen und ihre Beistände kritisieren auch, dass nach der Entlassung von R.s Vater Polizisten bei Hinterbliebenen erschienen und eine Art Gefährderansprache hielten, „als ginge von ihnen die Gefahr aus“. Die FR hatte einen Monat nach der Tat von den Ansprachen berichtet, an denen Newroz Duman von der Initiative 19. Februar Hanau Kritik übte.

Weitere Fragen warf die Reaktion des Bundeskriminalamts auf einen Bericht des Rechercheverbunds von WDR, NDR und SZ auf, den auch die FR aufgriff. Demnach arbeitete das BKA an einem Abschlussbericht zu den Taten, und ein Zwischenfazit lautete: R. habe ein rassistisches Verbrechen begangen, bei ihm habe aber keine rechtsextremistische Ideologie im Vordergrund gestanden, sondern seine Verschwörungstheorie von einer totalen Überwachung durch einen Geheimdienst. Das BKA wollte sich dazu erst nicht äußern und verwies auf den Generalbundesanwalt. Später twitterte BKA-Chef Holger Münch jedoch, „einen solchen Bericht“ gebe es nicht, die Ermittlungen dauerten an. Das BKA bewerte die Tat als eindeutig rechtsextremistisch, die Begehung beruhte „auf rassistischen Motiven“.

Der Verbund und die FR hatten auch berichtet, dass die Tat als rassistisch eingeordnet wird, aber gleichzeitig thematisiert, dass es im BKA offenbar Stimmen gab, die bei der Einordnung des Täters anders gewichteten.

Hermann Schaus, Innenexperte der hessischen Linken, bezeichnete Münchs Klarstellung als dringend nötig. Alles andere „hätte den Fakten Hohn gesprochen“ und wäre „ein unverzeihlicher Affront gegenüber den Opfern und deren Angehörigen“.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare