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Albert-Schweitzer-Kinderdorf: „Am Anfang flogen die Hefte“

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Die Pflegefamilien des Albert-Schweitzer-Kinderdorfs in Hanau stehen wegen der Kontaktbeschränkungen unter Corona-Stress.

Birgit Groß, die im wirklichen Leben anders heißt, lebt in Hanau in einem Einzelhaus mit Ehemann, Tochter sowie mit sechs Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Herkunftsfamilien unter einem Dach. Das ist schon zu normalen Zeiten eine Herausforderung, trotz Haushaltshilfe und zeitweiser Unterstützung durch einen pädagogischen Mitarbeiter. Die sechs- bis 16-jährigen Pfleglinge sind aus schwierigen Familienverhältnissen herausgenommen worden. „Mit der Kontaktsperre wegen der Corona-Pandemie sind die Anforderungen für uns enorm gewachsen“, sagt die Familiengruppenleiterin des Albert-Schweitzer-Kinderdorfes (ASK). Die Kontaktsperre bedeute für diese Kinder nicht nur wie für die meisten Gleichaltrigen keine Schule, kein Spielplatz, keine Aktivitäten im Verein und keine Treffen mit Freunden, sondern auch verschärfte Enge in einer zusammengewürfelten Großfamilie und vor allem keine Besuche der leiblichen Eltern.

Das Albert-Schweitzer-Kinderdorf (ASK) entstand kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als freier, nichtkonfessioneller Träger, um verlassenen oder verwaisten Kindern und Jugendlichen ein Zuhause zu geben. 


Das ASK Hessen wurde 1966 in Frankfurt gegründet und hat seit 1979 seinen Sitz in Hanau, später kam eine Dependance in Wetzlar hinzu.

Eine Vielzahl von Unterstützungsangeboten sind seitdem aufgebaut worden wie Familienberatungsstelle, familienorientierte Jugendhilfe oder Babylotse. 


Wohngemeinschaften in Häusern des ASK gibt es für Sechs- bis 18-Jährige. Kinder ab null Jahren und älter, die eine Familienstruktur benötigen, leben mit bis zu fünf weiteren ASK-Kindern in einer Familie, die im Privathaus oder einem ASK-Haus wohnen. Ziel ist es, diese Kinder und Jugendlichen gesichert zu den leiblichen Eltern zurückzuführen.

„Am Anfang sind auch mal die Hefte geflogen“, schildert Groß die angespannte Stimmung während des „Homeschoolings“. Besonders die Jüngeren, die zumeist noch unter ihrer Traumatisierung litten, hätten sich in der neuen Situation schwergetan. Dabei sei schon früh das Thema Corona und die Folgen besprochen worden. „Es wurden Masken genäht und wir haben die Kindernachrichtensendung ‚Logo‘ geschaut, um zu zeigen, dass auch andere Kinder zu Hause bleiben müssen“, sagt die 43 Jahre alte Pädagogin. Man habe gegen einen möglichen Lagerkoller ein Kreativ- und Ausflugsprogramm auf die Beine gestellt. An Freunde wurden Briefe geschrieben und mit den Eltern per Videochat gesprochen.

„Auf diese durch das Coronavirus entstandene Krisensituation mussten wir bei den Kindern und Jugendlichen besonders eingehen, zum Teil mit Hilfe unseres Fachdienstes Trauma“, sagt Bettina Ohl, Einrichtungsleiterin für den stationären Bereich des ASK. „Es entstanden viele Ängste und Fragen wie: Was passiert hier und jetzt? Werde ich meine Freunde je wiedersehen?“ Es waren aber auch die Eltern gefordert, die gut kooperiert hätten, sagt Ohl. Mittlerweile betrachteten viele Kinder die Wohngruppe auch als Ort von Geborgenheit vor dem Virus, bemerkt Ohl.

Um diese große Unsicherheit bei den Kindern nicht zu verstärken, sei es in den Wohngruppen in den Häuser auf dem ASK-Gelände in Hanau zu keiner veränderten Einteilung der jeweils fünf Betreuer in den Gruppen kommen. „Es wurde ruhig und entspannt gehandelt“, sagt Ohl. Auch wenn nächtlich oder tageweise Abgängige in die Gruppe zurückkehrten - mit der potenziellen Gefahr einer Infektion. „Sie wurden nicht ausgeschlossen.“ Im Infektionsfall hätte jedoch die ganze Gruppe unter Quarantäne gestanden. Und, anders als in den Familiengruppen, leben die betreuenden Erwachsenen mit ihren Familien nicht in den Wohngruppen. „Wir haben uns somit Sorgen gemacht, dass die Angestellten das Virus leicht in ihre Familien tragen könnten“, sagt Ohl. Denn Mundschutz und Abstandsregel in einer Wohngruppe, bei der die Jüngeren auch mal in den Arm genommen werden wollen, sei nicht vorstellbar.

„Der normale Betrieb hat sich durch Corona auch verlangsamt“, sagt Ohl zum Kinderdorf. Homeschooling, Zeiteinteilung bei der Nutzung der eigenen Freizeitanlagen oder längeres Händewaschen haben hierzu beigetragen. Zeitraubend waren für Birgit Groß zeitweilig auch die Einkäufe. „Wir mussten wegen leerer Regale oder Mengenbeschränkung von Laden zu Laden fahren“, sagt sie.

Zurzeit werden die Kinder und Jugendlichen in den Wohn- und Familiengruppen auf die Lockerung der Kontaktsperre vorbereitet. „Sie waren lange nicht in der Stadt, um mit ihrem Taschengeld shoppen zu gehen“, sagt Groß. Abstand halten und Mundschutz tragen – das heißt es nun zu verinnerlichen. Auch wenn für eine Stunde in der Woche die Eltern wieder real zugegen sind.

Wegen der Corona-Krise haben laut ASK Firmen ihr soziales Engagement heruntergefahren, es werden nun vermehrt private Spender gesucht. Mehr Infos unter www.ask-hessen.de

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