+
Die Grimms als Musical: Jacob (Jonas Hein) im Märchenland, wo er auf Thalia (Maria-Danae Bansen) stößt.

Kultur

Abenteurer im Märchenwald

  • schließen

Die Brüder Grimm-Festspiele in Hanau eröffnen mit der Uraufführung des Musical „Jacob und Wilhelm“.

Würde man je auf die Idee kommen, etwa über Walter Benjamin, Käte Hamburger oder Jürgen Link ein Musical zu schreiben? Wohl kaum, gleichwohl das Leben der drei Germanisten nicht minder interessant war wie das der Berufskollegen Jacob und Wilhelm Grimm. Doch den beiden Letztgenannten haftet eine populäre Facetten ihres Forschens an, das Aufschreiben von Märchen und die Herausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“. Grund genug für Intendant Frank-Lorenz Engel, den Stoff zum Musical „Jacob und Wilhelm - Weltenwandler“ verarbeiten zu lassen. Jan Radermacher übernahm dazu die Regie, Kevin Schroeder schrieb die Liedtexte und Libretto und Marc Schubring komponierte. Heraus kam ein Märchen, dennoch nur bedingt ein Kinderstück, über die Märchenbrüder. Am Freitagabend war Uraufführung.

Jacob und Wilhelm (Jonas Hein und Peter Lewys Preston) liegen auf Sitzmöbeln in ihrer Kasseler Studentenbude, von der Müdigkeit einer nicht durchzechten, sondern arbeitsreichen Nacht notdürftig in Decken gehüllt, so die Eröffnung. Das Bühnenbild (Tobias Schunck) wirkt wie aus einem Papierbastelbogen für Einrichtungsgegenstände entnommen. Jedoch ist alles wie mit einem Kohlestift gezeichnet. Mit zwei Drehbühnen werden die Aufbauten mal zum Studierzimmer, mal zum Salon der Marie Hassenpflug arrangiert. Um das Bühnenrund steigen zwei Rampen auf, die umgeben sind von bizarren, mit Buchstaben bedruckten Baumgebilden. Es ist der Märchenwald. Zwischen dieser Phantasiewelt und der realen wechseln die Brüder - per Stich mit einer Spindel (Dornröschen-Motiv) hinein und einem Kuss (Froschkönig-Motiv) wieder hinaus.

Im Märchenwald geht es jedoch drunter und drüber, die hinlänglich bekannten Figuren aus den Grimmschen Märchen sind ziemlich abgewrackte Typen, die Ulla Röhrs in ebensolchen Kostümen, aber spaßig-kreativ, eingekleidet hat. Prinzessin Thalia Maria-Danae Bansen), Urgestalt aller Prinzessinnen, Beschützerin der Theaterkunst und eine der zentralen Figuren des Musicals, weil sie Jacob durch dieses Reich begleitet, zeigt sich hingegen als adrette, bunte Feengestalt - die jedoch keineswegs auf den Mund gefallen ist. Auch die anderen wie „Bohne“, „Dummling“, „Froschkönig“ und die Hexe sind aus ihren Rollen gefallen - allen gemein ist zudem, dass ihr Reden mit expressiven, pantomimischen Gesten karikiert wird. Das Panoptikum der Figuren stellt eine Mischung aus „Alice im Wunderland“ und der „Der Zauberer von Oz“ dar.

Im Hanauer Märchenwald verschwinden die Protagonisten vieler Erzählungen nach und nach, weil deren Geschichten - da mutmaßlich nicht aufgeschrieben - von den Menschen vergessen werden. Aber sie sträuben sich auch, in Büchern verewigt zu werden. Vielleicht eine Anspielung auf die Bändigung der anarchischen Phantasie durch die Grimms. Die Brüder machen jedoch die Rettung unter Inkaufnahme mancher Gefahr zu ihrem Lebenszweck - zumindest in dem Musical. Inhaltlich nimmt das Stück bei der Grimmschen Märchenentstehung zum Teil den Stand aus den 1970er Jahren auf, von Heinz Rölleke - auch so ein Germanist ohne Musicalanwärterschaft. Seine Forschung beendete den Mythos, dass die Märchen aus dem Volk kommen, von alten Frauen erzählt wurden und damit urdeutsches Volksgut seien. Die Grimms erhielten sie zumeist aus hugenottischer Überlieferung. Der Franzose Charles Perrault hatte die zentralen Grimmschen Märchen 100 Jahre zuvor notiert und in Pariser Salons zum Besten gegeben. Deshalb gilt für das Musical das Goethe'sche Wort „Dichtung und Wahrheit“.

Über jeden Zweifel erhaben ist die Leistung der Darsteller, schauspielerisch wie gesanglich. Flottes Spiel und keine Behäbigkeit, flinke Dialoge bespickt mit ironischen Spitzen machen das Stück unterhaltsam. Das aus sieben Musikern bestehende Orchester wechselt entsprechende der Szene vom klassischen Einschlag in der realen Grimm-Welt zu einem poppige Muster im Märchenwald. Allerdings wird die Verständlichkeit der Liedtexte oft Opfer der scheppernden Akustik im Amphitheater.

Die nächste Aufführungen von „Jacob und Wilhelm - Weltenwandler“ sind am Sonntag, 19. Mai, 14 und 18.30 Uhr. Karten und Termine zu allen Stücken unter www.festspiele.hanau.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare