+
Morddrohung gegen Erich Pipa

Ermittler aufgeschreckt

Nach Mord an Lübcke: Wie gefährdet ist Erich Pipa (SPD)?

Nach der Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke Anfang Juni wird die Bedrohungslage des ehemaligen Landrates Erich Pipa (SPD) neu geprüft. Das bestätigte der Hanauer Oberstaatsanwalt Dominik Mies am Freitag auf Anfrage.

Hanau/Main-Kinzig-Kreis – Der seit zwei Jahren im Ruhestand befindliche langjährige Kommunalpolitiker aus Gelnhausen, der sich aktuell nicht öffentlich dazu äußern will, erhielt wie Lübcke seit 2015 nach Beginn der Flüchtlingswelle zahlreiche Drohbriefe aus einem offenbar rechtsextremistischen Umfeld, in denen er unter anderem als „Kanaken-Landrat“ beschimpft wurde und auch konkrete Bedrohungen gegen sein Leben ausgesprochen wurden. Verfasser und Absender dieser Schreiben konnten bislang nicht ermittelt werden.

Im September 2015 machte Pipa die Drohbriefe öffentlich: „Wir können jederzeit Jemanden in der Besucherschar platzieren, der Dich aus dem Weg räumt. Die Gelegenheit ist günstig“, war ihm vor der Radveranstaltung „Kinzigtal Total“ gedroht worden. Ein Jahr später dann sogar die Ankündigung eines „finalen Schlages“ bei gleicher Gelegenheit. Der damalige Landrat absolvierte trotz der Bedrohungslage seine Termine wie gewohnt, stand zeitweise unter Polizeischutz. Zu Zwischenfällen kam es nicht. Bis September 2016 gingen insgesamt 14 Drohbriefe ein, allesamt aus dem rechten Spektrum. Pipa wurde darin immer wieder wegen der Aufnahme von Flüchtlingen im Main-Kinzig-Kreis attackiert, als Absender trat eine „Initiative Heimatschutz Kinzigtal“ auf. Auch wegen dieser Drohungen entschied er sich damals, bei der Landratswahl im März 2017 nicht mehr anzutreten.

Pipa übergab Drohbriefe der Polizei

Pipa übergab alle Drohbriefe der Polizei, die Schreiben wurden auf DNA-Spuren untersucht und ein Persönlichkeitsprofil von dem oder den Verfasser(n) erstellt, wonach dieser oder diese vermutlich aus dem Main-Kinzig-Kreis stammt oder stammen. „Durch eine sorgfältige Analyse sämtlicher Schreiben konnte zwar ein allgemeines Täterprofil erstellt werden, das jedoch weder geeignet war zur Identifizierung von Einzelpersonen noch Hinweise auf bestimmte Tätergruppierungen ergab, die einer weiteren Auswertung zugänglich gewesen wären“, so Oberstaatsanwalt Mies. Pipa wollte unterdessen bei der Aufklärung mithelfen, bat die Bevölkerung um Unterstützung und ließ über seinen Rechtsanwalt mit Unterstützung von privaten Spendern eine Belohnung von 12.000 Euro für eine Aufklärung aussetzen. In der Folgezeit gingen zudem in der Redaktion des Gelnhäuser Tageblattes mehrere Schreiben einer „IG Nazijäger“ ein, in denen Personen namentlich als Verfasser der Drohbriefe beschuldigt wurden. Eine diesbezügliche Überprüfung der Polizei verschaffte aber auch keinen neuen Erkenntnisgewinn.

"Rechtsextremer Hintergrund im Bereich des Möglichen"

Das letzte Schreiben erreichte Pipa im vergangenen Jahr im Ruhestand, das laut Oberstaatsanwalt Mies sowohl Bedrohungen als auch Beleidigungen enthält. Die sichergestellten daktyloskopischen und DNA-Spuren hätten jedoch keine neuen Ermittlungsansätze ergeben. Mies: „Selbstverständlich wurde auch das jüngste Schreiben mit den bisherigen Schreiben und den Erkenntnissen aus den früheren Ermittlungsverfahren abgeglichen, auch hieraus ergaben sich jedoch letztlich keine verwertbaren Hinweise. Ob es sich bei dem/den Verfasser/n der zahlreichen Schreiben um denselben Täter oder denselben Täterkreis handelt, könnte nur spekulativ beantwortet werden, allerdings liegt ein fremdenfeindlicher, teilweise auch rechtsextremer Hintergrund im Bereich des Möglichen.“ Das diesbezügliche Ermittlungsverfahren wurde im Februar 2019 eingestellt.

Die Ermordung von Regierungspräsident Lübcke hat allerdings auch die Ermittler im Main-Kinzig-Kreis wieder aufgeschreckt: „Die Gefährdungslage des ehemaligen Landrats wird vor dem Hintergrund des Falles Lübcke erneut überprüft“, werden laut Mies neue Erkenntnisse bewertet und die Ermittlungen, sofern sich neue Ansätze ergeben, wieder aufgenommen.

VON ANDREAS ZIEGERT

Lesen Sie dazu auch:

Angst vor neuen rechten Netzwerken nach Mord an Lübcke

Einzeltäter oder Netzwerke? Im Mordfall des Kasseler Regierungspräsidenten wächst die Sorge vor neuen rechtsextremen oder gar terroristischen Strukturen. Ex-CDU-Generalsekretär Tauber will Verfassungsfeinden mit einer ungewöhnlichen Idee begegnen.

Bericht: Stephan E. hatte jüngst noch Kontakt mit Neonazis

Vor dem Mord an Walter Lübcke stand der Verdächtige Stephan E. nicht mehr im Fokus des Verfassungsschutzes. Trotz rechtsextremer Vergangenheit galt er als eher unauffällig. Nun gibt es Hinweise, dass E. die Staatsschützer getäuscht haben könnte.

Ermittler prüfen: Stephan E. soll Lübcke „Volksverräter“ genannt haben 

Mordfall Lübcke: Während weitere Politiker Morddrohungen erhalten, sprechen die Ermittler von einer möglichen persönlichen Verbindung des Täters zu dem Politiker.

Das könnte Sie auch interessieren:

Im Visier:  Rechtsextreme bedrohen Kommunalpolitiker

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare