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In den vergangenen Jahren lebten etwa 60 bis 100 Geflüchtete in der Unterkunft.
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In den vergangenen Jahren lebten etwa 60 bis 100 Geflüchtete in der Unterkunft.

Großkrotzenburg

Gewalttat in Geflüchtetenunterkunft: Schwere Vorwürfe gegen Mitarbeiter

  • Gregor Haschnik
    VonGregor Haschnik
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Nach dem Messerangriff in einer Unterkunft in Großkrotzenburg klagt die Staatsanwaltschaft den Verdächtigen an und ermittelt wegen anderer Vorwürfe gegen Gemeindemitarbeiter.

Großkrotzenburg - Niaz A. war ein zurückhaltender, eher in sich gekehrter, aber freundlicher Typ, ruhig, ordentlich. Er arbeitete in Hanau-Großauheim, und wenn er von seiner Schicht kam, ging er oft nur noch schnell duschen und dann schlafen.

So beschreiben Mitbewohner aus der Großkrotzenburger Flüchtlingsunterkunft den 25-Jährigen. Er machte Zukunftspläne, wollte bald in eine eigene Wohnung ziehen. Doch im Januar dieses Jahres wurde der Schutzsuchende aus Afghanistan erstochen, von einem 33-Jährigen, der ebenfalls in der Unterkunft lebte.

Ein halbes Jahr später ist der Schmerz bei denjenigen, die Niaz kannten und mochten, nach wie vor groß, einige von ihnen hat die Tat traumatisiert. „Niaz hätte nicht sterben müssen. Wir haben es immer noch nicht verarbeitet“, sagt einer.

Tod von Niaz A.: Beschuldigter beging bereits eine ähnliche Straftat

Die Staatsanwaltschaft Hanau hat gegen den Verdächtigen Anklage wegen Mordes erhoben. Staatsanwältin Lisa Pohlmann sieht das Mordmerkmal der niedrigen Beweggründe als erfüllt an. Die Verteidigung teilt auf Anfrage mit, sie könne derzeit keine Stellungnahme zu den Vorwürfen abgeben.

Es habe ein „krasses Missverhältnis“ zwischen Anlass und Tat gegeben, sagt Staatsanwältin Pohlmann. Demnach hatte das Opfer den Angreifer gefragt, weshalb dieser die Dusche nicht saubergemacht habe. Kurz darauf habe der Angeschuldigte „Ich töte ihn!“ gerufen, ein Messer gegriffen und zugestochen. Niaz A. flüchtete vergeblich zum Notausgang; er verblutete auf dem Flurboden.

Der mutmaßliche Täter, der aus Somalia nach Deutschland geflüchtet war, kam aus der JVA nach Großkrotzenburg. In einer Sammelunterkunft in Maintal hatte er eine ähnliche Straftat begangen. Nach einem Konflikt über die Beleuchtung im Zimmer stach er auf einen 19-Jährigen ein und wurde schließlich wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu fünf Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Er sollte nach einem Teil der Haft abgeschoben werden. Dazu kam es aber nicht, wegen Problemen bei der Beschaffung von Reisedokumenten. „Warum wurde er bei uns untergebracht, obwohl er in einer anderen großen Unterkunft schon mal zugestochen hatte? Warum wurde nicht vorgebaut?“, fragt ein Großkrotzenburger Flüchtling.

Missstände bei der Betreuung von Geflüchteten

Viele Fragen zu dem Fall sind weiterhin nicht beantwortet. Er wirft ein Schlaglicht auf Missstände bei der Betreuung von Geflüchteten im Allgemeinen und in der 7500-Einwohner-Gemeinde im Besonderen.

Zahlreiche Informanten haben der FR in den vergangenen Monaten detailliert von Bedingungen in dem Heim berichtet, die Bewohnern zusetzten und dazu beigetragen hätten, dass Niaz’ Tod nicht verhindert wurde. Sie beschreiben ein von zwei Gemeindemitarbeitern geprägtes System, das von Abhängigkeiten, Vorteilsnahme, Aggressivität und Inkompetenz im Umgang mit Geflüchteten geprägt sei.

Nach entsprechenden Anzeigen hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die beschuldigten Beschäftigten – für die die Unschuldsvermutung gilt – haben bislang nicht auf eine Anfrage der Frankfurter Rundschau reagiert. Dafür weist Bürgermeister Thorsten Bauroth (parteilos) die Vorwürfe zurück.

„Wir haben die Mitarbeiter vor der Tat mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass sich der Angreifer sehr auffällig und aggressiv verhält“, sagt ein Geflüchteter. „Er hatte zum Beispiel oft ein Messer dabei, schlief mit Schuhen im Bett. Niemand wollte mit ihm zusammenwohnen, so dass er schließlich allein in seinem Zimmer war.“ Die Verantwortlichen hätten aus den Alarmsignalen jedoch keine Konsequenzen gezogen. Die Betreuung sei sehr schlecht.

Mitarbeiter sollen Geflüchteten mit Abschiebung gedroht haben

Damit meinen die Informanten auch die von ihnen beklagte Unterdrückung: So sollen die Mitarbeiter ihnen etwa mit Abschiebung gedroht haben, beispielsweise damit, dass jemand eine Spritze bekommen und in seinem Herkunftsland aufwachen würde.

Außerdem sollen die Beschäftigten von Geflüchteten Geld sowie „Arbeitsdienste“ in ihrem privaten Bereich gefordert und angenommen haben. Von „Abgaben“ in zweistelliger Höhe für Hilfe bei Behördenpapieren ist die Rede.

Einer habe Geflüchtete schon mal dazu aufgefordert, Streit mit Gewalt zu lösen und soll selbst mehrfach gewalttätig gegenüber Bewohnern geworden sein, etwa in Zusammenhang mit einem Feuerwehreinsatz im Mai 2017. Damals soll er einen Geflüchteten heftig geohrfeigt haben. Mehrere Zeugen, darunter einer, der nicht in dem Heim lebt, bestätigten dies gegenüber der FR.

Tod von Niaz A.: Notausgang funktionierte nicht richtig

Darüber hinaus habe der Notausgang, zu dem Niaz rannte, nicht richtig funktioniert. Das hätten die Mitarbeiter gewusst und dennoch nicht für eine Reparatur gesorgt, genauso wie bei anderen Defekten in der Unterkunft, etwa Lichtquellen. Der FR liegt eine Liste vor, auf der zahlreiche Mängel dokumentiert sind.

Ein kurz nach der Tat aufgenommenes Video belegt, dass sich die Fluchttür nur schwer öffnen ließ. Dazu, ob Niaz sich noch durch die Tür hätte retten können oder es aufgrund der ersten Stiche nicht mehr geschafft hätte, hat die Staatsanwaltschaft bisher keine Angaben gemacht.

Der ältere der beiden Mitarbeiter sei für seine Aufgaben schlicht nicht qualifiziert, auch weil es ihm an der notwendigen, etwa pädagogischen Qualifikation für den Umgang mit teils traumatisierten Geflüchteten fehle. So lautet ein weiterer Vorwurf, den auch Gemeindevertreter erheben.

Der Mann soll als geringfügig Beschäftigter bei der Gemeinde Großkrotzenburg angefangen und dann fest eingestellt worden sein. Schließlich beförderte Bürgermeister Bauroth ihn, weil er sich nach dessen Ansicht bewährt habe und gut geeignet sei.

Der Beförderte soll, so heißt es, dabei von seinen Verbindungen zu einem Unterstützer des Bürgermeisters profitiert haben. Gemeindevertreter bemängeln, dass die aktuelle Funktion des Mitarbeiters zunächst weder beschrieben noch ausgeschrieben wurde. Letzteres erfolgte erst, als das Parlament ein Disziplinarverfahren gegen Bauroth vorbereitete.

Der Bürgermeister beruft sich auf sein Organisationsrecht als Rathauschef: Er habe die „Funktion“ nicht ausschreiben müssen. Doch ein von den Grünen beauftragter Fachanwalt für Arbeits- und Verwaltungsrecht schätzt das Vorgehen als unzulässig ein. Er hält es unter anderem kommunalverfassungsrechtlich für bedenklich. Die Entscheidung gehe über das hinaus, „was gemeinhin als Führung der laufenden Verwaltung angesehen wird“.

Fragwürdige Personalentscheidungen

Die Ausschreibung lief im Frühjahr 2020, doch eine Entscheidung gibt es weiterhin nicht. Neben dem kritisierten Beschäftigten gibt es nach FR-Informationen eine weitere interne Bewerbung, wobei die Person besser qualifiziert ist. Aber es tut sich seit mehr als einem Jahr nichts. Grüne Gemeindevertreter kritisieren, dass nicht die vom Land geforderte Bestenauslese stattfinde und zudem die Prinzipien der Chancengleichheit, Gleichstellung und Transparenz missachtet würden.

Auch der andere Mitarbeiter habe nicht die notwendige Qualifikation, so ein weiterer Kritikpunkt, und profitiere von einem guten Verhältnis zu seinem Kollegen. Bei beiden Mitarbeitern habe es für ihre aktuellen Funktionen kein richtiges Bewerbungsverfahren gegeben.

Mehrere Fraktionen in der Gemeindevertretung kritisieren überdies hohe Zulagen von mehreren Zehntausend Euro, die die beiden Beschäftigten für Rufbereitschaft in den vergangenen Jahren bekommen haben, wobei Bauroth Gemeindegremien hier erneut übergangen habe. Die Rufbereitschaft, so die Kritik, sei nicht notwendig, werde in anderen Kommunen des Main-Kinzig-Kreises nicht praktiziert. Zudem seien keine Tätigkeitsnachweise vorgelegt worden.

Bürgermeister Bauroth wird von Geflüchteten und Gemeindevertretern ebenfalls scharf kritisiert. Zum einen wegen der Beförderung. Zum anderen habe er die Geflüchteten nach dem Tötungsdelikt nicht ernst genommen, sondern sei hauptsächlich bestrebt gewesen, dass er und seine Mitarbeiter „unbeschadet aus der Sache hervorgehen“. Im Hinblick auf die Betreuung, die Bewohner bereits im Februar in einem offenen Brief kritisierten, habe er weder Konsequenzen gezogen noch mit der Gruppe der Geflüchteten sprechen wollen. Stattdessen habe er auf „Einzelgesprächen“ bestanden.

Geflüchtete sollen aufgefordert worden sein, Aussagen zu widerrufen

Eine Psychotherapeutin, die einen Tatzeugen betreute, kritisiert, dass der mutmaßliche Täter offenbar enorme Probleme auch mit der Unterbringung in einer Sammelunterkunft hatte und es der Betreuung an der notwendigen Sensibilität fehlte. Dass er, wie die Gemeindemitarbeiter anführen, ihnen gegenüber nicht aggressiv auftrat, sei kein Beleg dafür, dass er es auch sonst nicht tue. Vielmehr sei es ein Merkmal mancher als gefährlich einzustufender Menschen, dass sie sich Autoritäten unterordneten und anpassten.

Mit dem Tod von Niaz A. sei das „System“, das die Informanten übereinstimmend beschreiben, nicht vorbei gewesen, beklagen sie. So habe einer der Beschäftigten einen Geflüchteten aufgefordert, Aussagen in dem offenen Brief zu widerrufen und dies zur Bedingung für Hilfe bei Anliegen gemacht.

In den vergangenen Wochen und Monaten waren die Mitarbeiter kaum noch in der Unterkunft. Im Rathaus sind sie indes weiterhin für Flüchtlingsangelegenheiten zuständig. Die Asylsuchenden fordern, dass sich das endlich ändert. „Wir sind nach Deutschland gekommen, um hier in Sicherheit zu leben, ohne Angst und Abhängigkeiten. Dass so etwas in Deutschland passieren kann, hätten wir nicht gedacht.“ (Gregor Haschnik)

Stellungnahme

Großkrotzenburgs Bürgermeister Thorsten Bauroth (parteilos) hat auf FR-Anfrage alle gegen ihn und seine Mitarbeiter erhobenen Vorwürfe zurückgewiesen. Diese hätten zum Beispiel „ glaubhaft versichert“ , dass sich der mutmaßliche Täter ihnen gegenüber nie auffällig, sondern stets ruhig verhalten habe. Er sei seinen Tätigkeiten in der Unterkunft „ ohne Anlass zu Beanstandungen“ nachgekommen. Sie dementieren, darauf hingewiesen worden zu sein, dass er gefährlich sei und ein Messer bei sich trage.

Den von der Staatsanwaltschaft untersuchten Vorwürfen, etwa der Körperverletzung und Vorteilsnahme, hätten die Beschäftigten unter anderem in einer schriftlichen Erklärung klar widersprochen. Es sei jetzt Aufgabe der Ermittlungsbehörden, für Aufklärung zu sorgen, so Bauroth.

Ob der Notausgang nicht richtig funktioniert habe, sei unklar. Gemeindemitarbeiter:innnen, die regelmäßig in der Unterkunft seien, hätten zuvor aber keinen Defekt festgestellt. Mängel hätten die beiden in der Kritik stehenden Beschäftigten stets der Bauverwaltung gemeldet.

Auf die Frage, ob die Gemeinde die Vorgeschichte des Angeklagten kannte, entgegnet Bauroth: „Nein.“ Kommunen erhielten nur „ rudimentäre Angaben“ zu den ihnen vom Main-Kinzig-Kreis zugewiesenen Personen.

Nach dem Tötungsdelikt habe er sich, betont Bauroth, um die Geflüchteten gekümmert, etwa die Notfallseelsorge organisiert und den Kreis um Unterstützung in der akuten Situation gebeten, woraus ein Angebot der Johanniter Unfallhilfe vor Ort resultiere.

Den Vorwurf der Günstlingswirtschaft weist Bauroth ebenfalls zurück. Die zwei Mitarbeiter seien unter seinem Vorgänger Friedhelm Engel (CDU) eingestellt worden. Sie hätten sich bewährt, gut gearbeitet. Die Beförderung von einem der beiden sei auch nicht zu beanstanden: Es handele sich nicht um eine „ Stelle“ , sondern um eine „ Funktion“ . Diese folge „ der alleine von mir zu vollziehenden Organisation der Verwaltung“ . Seiner Ansicht nach hätte er die Funktion nicht ausschreiben müssen, was die Kommunalaufsicht auch so sehe.

Auf die Zulagen, die im Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst geregelt seien, hätten die Beschäftigten einen Rechtsanspruch gehabt. Die Rufbereitschaft sei notwendig und günstiger als ein Sicherheitsdienst.

Bauroth fügt hinzu, dass Bewohner vorgesprochen hätten, „ die es mehr als bedauern“ , dass die beiden Gemeindemitarbeiter keinen Dienst mehr in der Unterkunft machen und damit „ ein über Jahre gut funktionierendes System kaputt gemacht wird“ .

Allerdings beantwortet Bauroth eine ganze Reihe wichtiger Fragen nicht, etwa jene nach der Qualifikation der Beschäftigten.

Hinzu kommt, dass der Main-Kinzig-Kreis Bauroth in wichtigen Punkten widerspricht: Demnach hat die Gemeinde „ vor Unterbringung alle relevanten Informationen erhalten“ , Name, Geburtsdatum, Nationalität, Aufenthaltsstatus sowie „ alle unterbringungsrelevanten Besonderheiten“ - auch Informationen über die vorherige Haft und die Gründe. Die Mitbewohner seien „ im Sinne der Rechtsstaatlichkeit“ nicht darüber informiert worden, um eine Vorverurteilung zu verhindern. Die Entscheidung, den Verdächtigen in der Sammelunterkunft unterzubringen, sei in der Kommune gefällt worden, wobei der Kreis zu bedenken gibt: Es lasse sich nicht seriös beurteilen, ob eine dezentrale Unterbringung eine solche Straftat verhindert hätte. Es habe jedoch eine enge Abstimmung mit der für Prävention zuständigen Bewährungshilfe gegeben, zu der „ sowohl die Gemeinde wie auch der Geflüchtete regelmäßig Kontakt hatte“ . gha

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