Medizinstudent Bernhard Blumenthal im OP.
+
Medizinstudent Bernhard Blumenthal im OP.

Geschichte einer ermordeten Arztfamilie

Main-Kinzig Ausstellung „Legalisierter Raub“ dokumentiert die Ausplünderung der Juden / Neue Stolpersteine

Von Jörg Andersson

Fast 40 Jahre war Julius Blumenthal praktischer Arzt in Niederrodenbach. Auch Sohn Bernhard hatte das Medizin-Studium trotz aller Schikanen durch die Nazis noch beendet, als das Schicksal die fünfköpfige Familie mit aller Härte ereilte: am 30. Mai 1942 wurden Bernhard und sein jüngerer Bruder Adolf von Hanau nach Sobibór deportiert und umgehend ermordet. Drei Monate später kam Julius Blumenthal, seine Frau Silva und der behinderte Sohn Ismar nach Theresienstadt und 20 Monate später ins Vernichtungslager Auschwitz.

Am Vermögen bereichert

Am Vermögen der Blumenthals bereicherten sich willfährige Beamte, Gestapo und Banken. Direkt nach dem Abtransport der Familie wurde das Haus geplündert, Praxiseinrichtung und Auto vom Finanzamt öffentlich versteigert.

Ein Fall für die Ausstellung „Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933-1945“, die nun bis zum 30. November im Main-Kinzig-Forum in Gelnhausen regionalen Anschauungsunterricht für Leid und Elend erteilt.

Approbationsurkunde, Studienbuch und Familienfotos halten die Erinnerung wach; Julius Blumenthal hatte sie vor der Verschleppung seinem Nachbarn Karl Wilhelm übergeben. „Sicher in der Hoffnung, zurückzukehren“, berichtet Christine Raedler. Sechs Monate hat die Leiterin des Zentrums für Regionalgeschichte nach Exponaten geforscht. Die Dokumente der Blumenthals förderte der Artikel „Raubbeute fürs Museum“ in der Frankfurter Rundschau vom 12. Februar 2011 zutage. Hermann Dehler, ein in Kelkheim wohnhafte Enkel von Karl Wilhelm, stellte sie für die Ausstellung zur Verfügung, die das Land und das Fritz Bauer Institut seit 2002 an vielen Orten Hessens aufgearbeitet haben. Über die Familie Blumenthal hat die Rodenbacher Abiturientin Christina Mayer geforscht.

In Gelnhausen, das sich schon vor der Pogromnacht „judenfrei“ nannte, gab es keine Auktionen. Und doch finden sich hier Beispiele wie das der Rechtsanwaltsfamilie Sondheim, aus deren Villa am Alten Graben örtliche NS-Größen sich Möbel, Geschirr und Silber aneigneten. Ein gußeisernes Schild zeugt von der Metzgerei „Flörsheim“ in Meerholz. Dokumentiert wird zudem die Entschädigung von Alfred Buxbaum. Dessen Vater Josef wohnte am Obermarkt 16. Dort wird am heutigen Dienstag, 30. August, um 15 Uhr Gunter Demnig einen von weiteren 18 Stolpersteinen in Gelnhausen verlegen. Gedemütigt und drangsaliert verkaufte Buxbaum sein Haus und zog nach Frankfurt, wo er 1941, 66-Jährig, starb.

An sieben weiteren Plätzen in der Stadt wird Aktionskünstler Demnig Steine mit kleinen Messingtafeln wider das Vergessen dort einlassen, wo Gelnhäuser jüdischen Glaubens, Euthanasie-Opfer und politisch Verfolgte der Nazis ihren letzten frei gewählten Wohnsitz hatten. In elf Fällen wurden die Menschen ermordet. Als gebrochener Mann starb Samuel Scheuer 1941 in Frankfurt. Adolf Moritz gelang die Flucht in die USA. Ebenso Josef, Paula und Fritz Blumenbach. Überlebt hat auch der mit Berufsverbot belegte ehemalige Sparkassendirektor Karl Baumann. 84 Schicksale hat die Interessensgemeinschaft um Rosemarie Bartel und David Lupton seit 2008 erforscht und durch die Gedenksteine verewigt.

Die Ausstellung „Legalisierter Raub“ wird am Donnerstag,, 1. September, 18 Uhr im Main-Kinzig-Forum eröffnet.

Mehr zum Thema

Kommentare