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Gelnhausen: Veritas stellt Antrag auf Insolvenz

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Der Autozulieferer findet keinen weiteren Investor. Am Stammsitz sind 1400 Mitarbeiter betroffen. Landrat Thorsten Stolz (SPD) sieht auch die Banken in der Pflicht.

Der Gelnhäuser Automobilzulieferer Veritas hat Insolvenz angemeldet. Das Unternehmen ist spätestens seit 2018 in einer tiefen Krise, hat bereits harte Einschnitte vorgenommen und war zuletzt auf der Suche nach einem Investor. Geplant war ein Einstieg der American Industrial Acquisition Corporation (AIAC), die die Mehrheit der Firmenanteile übernehmen sollte. Doch die Verhandlungen scheiterten. Die Aufnahme „konnte im vorgesehenen Zeitrahmen nicht positiv abgeschlossen werden“, teilt die Veritas AG mit. Ein Grund: Die Folgen der Corona-Pandemie und die damit verbundenen Umsatzrückgänge hätten die Pläne „massiv beeinträchtigt“.

Ziel der angestrebten Insolvenz sei es, das Unternehmen zu sanieren, Arbeitsplätze zu erhalten und Gläubiger zu schützen. Die Neuausrichtung solle fortgesetzt, die Suche nach Geldgebern wieder aufgenommen werden. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Jan Markus Plathner von der Wirtschaftskanzlei Brinkmann und Partner bestellt.

Betroffen sind alle deutschen Werke der Poppe-Veritas-Gruppe, in denen insgesamt 2200 Mitarbeiter tätig sind. Am Stammsitz in Gelnhausen waren es zuletzt rund 1400. In den vergangenen Jahren wurden hier bereits zahlreiche Stellen gestrichen. Der Konzern führte etwa „zunehmend schwierige Bedingungen“ in der Autoindustrie und die Produktionskosten in Deutschland als Gründe an.

Erst 2019 hatte Veritas entschieden, 360 von 1750 Arbeitsplätzen im Main-Kinzig-Kreis abzubauen. Zudem verzichteten Beschäftigte jahrelang auf ihnen zustehende Leistungen. Zu den Bedingungen für den Deal mit AIAC gehörte offenbar, einen Großteil der Produktion ins Ausland zu verlagern und 700 weitere Arbeitsplätze zu streichen. Das Abfindungsangebot soll nur ein paar Monatsgehälter umfasst haben. Veritas teilte damals mit, es gebe keine Alternative zur Übernahme und den geplanten Maßnahmen. Anders ließe sich die Existenz auf Dauer nicht sichern.

Die vollzogenen und geplanten Streichungen lösten scharfe Kritik aus: Der Landtags- und Kreistagsabgeordnete Heinz Lotz (SPD) sagte, es sei offensichtlich, „dass die Fehler im Management und bei den Eigentümern, die sich immer wieder in das operative Geschäft eingemischt haben, liegen“. Die Produktion sei nicht rechtzeitig auf Zukunftstechnologien umgestellt worden, kritisierte der Landtagsabgeordnete Hermann Schaus (Linke).

Nach dem Insolvenzantrag von Veritas sprach Landrat Thorsten Stolz (SPD) von einer „existenzbedrohliche Situation“, die eine Herausforderung für die gesamte Region sei. Wegen der Bedeutung von Veritas als Arbeitgeber hatte er kürzlich das Land Hessen um Hilfe gebeten. Die Entwicklungen in der Corona-Krise verschärften die schwierige Lage bei Veritas, so Stolz. Eine Insolvenz müsse jedoch nicht das Aus bedeuten, das hätten „positive Beispiele in der Region“ unter Beweis gestellt. Nach Ansicht des Landrats müssen sich bei Veritas jetzt vor allem die Banken bewegen und Wege aufzeigen.

Die Industrie im Kreis und ihre Beschäftigten mussten schon vor der Pandemie heftige Rückschläge hinnehmen. So beschloss beispielsweise der Hanauer Reifenhersteller Goodyear Dunlop, 610 von 1400 Stellen zu streichen.

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