Schule

Ohne Noten und Zeugnisse

  • Detlef Sundermann
    vonDetlef Sundermann
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Die alternative „Freiraum-Schule“ ist eröffnet. Kinder lernen selbstbestimmt.

Der Sänger Herbert Grönemeyer forderte: „Kinder an die Macht“ – wie wäre es denn, wenn sie schon mal das Lernen in der Schule weitgehend selbst bestimmen könnten? Diese Möglichkeit bietet die jüngst eröffnete Freiraum-Schule in Gelnhausen, deren pädagogische Arbeit auf Erkenntnissen des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul beruht. Eine Handvoll Familien, die sich während der Kita-Zeit ihrer Kinder kennengelernt hatten, fassten im März 2018 den Entschluss, die Schule zu gründen. Begonnen wurde nun, nach Zulassung durch das Staatliche Schulamt, mit einer jahrgangsübergreifenden Lerngruppe, die aus 23 Kindern von der ersten bis zur vierten Klasse besteht.

Vorbilder in Frankfurt und im Odenwald hätten sie zu dem Schritt ermutigt, sagt Gründungsmitglied Bianca Helfmann, die heute Mitglied im neunköpfigen Leitungskreis der Schule ist. Zur Vorbereitung zählten Hospitationen, etwa in Frankfurt, und Einarbeiten mittels Fachliteratur. Hinzu kam der Zufall, das just im Gelnhäuser Stadtteil Meerholz Eltern ebenfalls eine Alternativschule planten. Man war sich beim ersten Treffen dann so sympathisch, dass man beschloss, sich zusammenzutun. Als Schulhaus konnte in der Kernstadt eine ehemalige evangelische Verwaltungsstelle gemietet werden, die mit Hilfe eines Kredits und viel Eigenleistung umgebaut wurde, so Helfmann.

Einen „Lernort für Kinder schaffen, an dem sie fernab von Konkurrenz und Leistungsdruck, ohne Bewertungen und im Einklang mit der Natur leben und lernen, spielen und forschen, sich in ihrem eigenen Tempo und ohne Druck entfalten und verwirklichen können“, dass soll die Schule laut ihrer Internetseite erreichen. An diesem Lernort taktet kein Klingelzeichen Unterrichtsbeginn und Fachwechsel. Es gibt Gleitzeit. Die Kinder kommen zwischen 8 und 9 Uhr und gehen zwischen 13 bis 14 Uhr. Wer zeitig da ist, kann vor dem Morgenkreis, in dem mit den Schülern der Tag besprochen wird, noch spielen. Damit sollen die Kinder entsprechend ihres Biorhythmus in Ruhe ankommen, heißt es. Spielen ist in der Freiraum-Schule keine Nebensache, sondern ausdrücklich erwünscht.

Kein fester Stundenplan wie an einer Regelschule, sondern Projekte mit Deutsch, Englisch, Mathematik oder Kunst, in die sich die Kinder frei einbringen können, füllen den Schultag. „An unserer Schule gibt es nur Lernbegleiter. Lehrer kommt von Belehren, dass wollen wir nicht“, erläutert Helfmann. Die Lernbegleiterinnen bereiten in fachspezifischen Lernräumen das Material für selbstständiges Lernen vor. Es gibt individuelle „Lernfenster“, in denen Kinder mit großer Aufmerksamkeit und Leichtigkeit Neues aufnähmen, heißt es. „Kinder lernen, für ihr Lernen Verantwortung zu übernehmen“, sagt Helfmann.

Dass ein kontinuierliches Lernen in den jeweiligen Fächern entsteht, dazu tragen die Lernbegleiter ebenso bei wie zur Motivation. Der Stoff wird in den Lernräumen vermittelt und dann geht es hinaus, um die Inhalte mit der Wirklichkeit zu verknüpfen, wie rechnen mit einkaufen.

Die erste Lerngruppe an der freien Schule wird von zwei bis drei Lernbegleiterinnen zugleich betreut. Zur Pädagogik gehört aber auch, dass die älteren Schüler den jüngeren helfen. Was einst zum Prinzip der Dorfschule gehörte, stehe nun für die Förderung sozialer Kompetenz.

Noten- und Zeugnisstress sind an der Schule unbekannt. Die Bewertung erfolgt schriftlich und nur bei einem Schulwechsel, spätestens nach sechs Schuljahren - derzeit zumindest. Anhand ihres Lernportfolios haben die Schüler eine Übersicht über die Inhalte. „Zur Dokumentation, wer wo steht, nutzen wir eine App, die sich seit Jahren in den Montessorischulen bewährt hat“, so Helfmann.

„Beim Schulwechsel treten keine außergewöhnlichen Schwierigkeiten auf“, berichtet Harald Gottschalk, Geschäftsführer des Trägervereins der 1974 gegründeten Freien Schule Frankfurt. „Die Kinder haben große Lust auf die neue Herausforderung und bereiten sich mit großem Engagement darauf vor.“ Dazu zählen auch vorab Besuche in Gymnasien oder Integrierte Gesamtschulen.

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