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Wildbiene saugt Nektar in Apfelblüte. Foto: Rolf Oeser

Gelnhausen

Gelnhausen: Insektenidyll mit Verfallsdatum

  • Detlef Sundermann
    vonDetlef Sundermann
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Bahn will temporäre Biotope auf künftige Flächen für den Gleisausbau anlegen. Bis zu fünf Jahre lang sollen die blühen dürfen.

Auf künftigen Baustelleneinrichtungsflächen der DB Netz sollen blühende Biotope für Insekten entstehen, die jedoch spätestens in fünf Jahren wieder verschwinden. Der BUND bewertet das Vorhaben unter bestimmten Bedingungen trotz des zeitlichen Charakters als positiv. Das neue Vorhaben läuft im Kreis unter „Natur auf Zeit“ im Rahmen des 2016 gestarteten Programms „Main-Kinzig blüht“.

An der Burgmühle und am Bahnhof im Stadtteil Hailer sollen auf zusammen rund 1500 Quadratmetern Blühwiesen angelegt werden. Die Flächen seien derzeit Brachland und werden für den viergleisigen Ausbau der Kinzigtalbahn benötigt, heißt es vom Kreis. „Wir wollen keine Chance ungenutzt lassen, um neue Lebensräume für Insekten und andere Kleintiere zu schaffen“, notiert Kreisumweltdezernentin Susanne Simmler (SPD).

Der Kreis hat hierzu für „Planungs- und Rechtssicherheit“ gesorgt. Dies betrifft vor allem eine naturschutzrechtliche Ausnahmeregelung für den Fall, dass sich in den Biotopen Tiere auf der Roten Liste einnisten sollten, teilt die Pressestelle des Kreises auf Anfrage mit. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass dies ob der kurzen Bestandszeit kaum geschieht.

Die Kosten für das Vorhaben übernimmt die Bahn, auch die Betreuung, die in den Händen von Katja Fuhr-Boßdorf liegt. Sie ist als Projektingenieurin beim Gleisausbau für umwelttechnische Belange zuständig. Ein Areal gegenüber der Burgmühle soll als erstes angegangen werden.

„Selbst wenn die Fläche nur fünf Jahre bestehen wird, wird sie helfen“, sagt Stephan Consemüller, Vorsitzender des BUND Gelnhausen, auf Anfrage. Das Säen mache jedoch nur Sinn, wenn das Gelände frei von Mutterboden sei. Gegebenenfalls müsse Sand eingefräst werden, um eine Magerwiese herzustellen, nur die biete für eine Vielzahl von Insekten einen Lebensraum, so der BUND.

INsektensterben

Laut Bundesamt für Naturschutz ist allein von 1989 bis 2014die Biomasse der Fluginsekten um 76 Prozent zurück gegangen, bei Großschmetterlingen um 56 Prozent. Vogelarten, die Insektenfresser sind, reduzierten sich infolge um 20 Prozent. Ursachen des Insektensterbens sind etwa Agrargifte, Bebauung und Lichtverschmutzung in Kommunen. sun

Entscheidend ist laut Consemüller aber auch, welches Saatgut ausgebracht wird. „Imkermischungen erfreuen die Imker, finden bei uns jedoch keine Zustimmung. Es muss ein Saatgut für Wildbiene und Käfer sein“, sagt Consemüller. Am besten eigne sich regionales Saatgut, sagt er. Laut Bahn soll eine „standortgerechte, heimische Blühpflanzen-/Wildblumenmischung“ gesät werden.

Regionales Saatgut hat sich Consemüller zufolge unter „Main-Kinzig blüht“ in der Stadt am östlichen Kreisverkehr und auf der Wiese am Landratsamt bewährt. Auf der Wiese hätten sich die Pflanzen überdies zunehmend selbst ausgebreitet.

Der BUND sieht in „Natur auf Zeit“ wie in „Main-Kinzig blüht“ nicht allein die Funktion von kleinen Blühinseln, sondern ebenso einen pädagogischen Effekt. Die Leute erkennen, wie schön natürliche Blühwiesen sein können. Auch wenn diese Flächen im Projekt „Main-Kinzig blüht“ nicht selten wenige Quadratmeter groß seien, stünden sie doch im Blickfeld, sagt Consemüller. „Seitdem haben wir mehr Interessenten in unserer Beratung“, sagt er.

Die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises sieht in „Natur auf Zeit“ einen „dynamischen Ansatz“, der den Zielen des Naturschutzes entspreche, bemerkt Abteilungsleiter Bernd Leutnant. Mit Hinweis auf das Bundesumweltamt erklärt er, dass zur Sicherung der „biologischen Vielfalt nicht zwingend jedes einzelne Biotop oder Individuum einer Art erhalten“ werden müsse. Der BUND meint hingegen, sollten sich bei dem Projekt örtliche Besonderheiten einstellen, müsse die Bahn diese in geeignete Gebiete umsiedeln, notfalls in dauerhaft zu schaffende Ausgleichsflächen.

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