Arztbesuch aus Angst vor Corona absagen? Das muss nicht sein, sagen Experten. 
+
Ein Arzt misst den Blutdruck.

Gelnhausen

Hausarzt dringend gesucht

  • Detlef Sundermann
    vonDetlef Sundermann
    schließen

Der Main-Kinzig-Kreis startet eine Studie, um Praxennachfolgefragen früh zu erkennen und zu koordinieren.

Ein Nachfolger wird mit Nachdruck gesucht“, hat Hausarzt Zillinger in Oberrodenbach seinen Patienten auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Die Praxis ist seit Jahresbeginn geschlossen. Damit sich derartige Ansagen zwischen Maintal und Sinntal in nächster Zeit nicht häufen, hat der Kreis vor gut einem Jahr eine Stelle zur Koordination der ärztlichen Versorgung geschaffen. Dieser Tage wurde eine Befragung aller niedergelassenen Ärzte im Kreis gestartet, etwa um aktuelle und künftige Bedarfe zu ermitteln sowie frühzeitig die Nachfolgerfrage mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) anzugehen.

„Eine Reihe von Arztpraxen droht die Schließung, weil kein Nachfolger in Sicht ist“, beschreibt Koordinatorin Julia Fock die Perspektive. Ob es künftig in jeden Ort einen Hausarzt geben kann, vermag sie nicht vorherzusagen. Als sicher gilt hingegen für die Gesundheitsökonomin, dass es „unterschiedliche Modelle geben wird“, von der klassischen Praxis im Dorf bis hin zum Ärztezentrum in der nächstgrößeren Stadt. Auch hierbei soll die nun angestoßene Bedarfsanalyse einen Überblick liefern. Nicht unbeachtet bleibt dabei die Frage, in welchem Maß eine Praxis von der Bevölkerung im Ort besucht wird.

Hausärzte

Im Kreisgebiet gibt es laut Kassenärztlicher Vereinigung 256 Arztsitze, die mit 266 Hausärzten besetzt sind.

Knapp 56 Jahre beträgt das Durchschnittsalter, knapp 32 Prozent der Ärzte sind 60 Jahre und älter.

Die Nachbesetzungsquote beträgt bis 2030 rund 58 Prozent. Aktuell sind 28 Arztsitze frei, 19 davon in Hanau. sun

Der Mangel an Haus- oder Fachärzten treffe nicht allein den ländlich geprägten Ostkreis, daher werde Hanau in die Studie, bei der die Mediziner in einem 30-minütigen Interview befragt werden, ebenso einbezogen. Gleich, ob die Stadt in den kommenden Jahren ihr Ziel erreicht, kreisfrei zu werden, heißt es.

Laut Kreisgesundheitsdezernentin Susanne Simmler (SPD) dürfen künftige Kooperationsoptionen bei Praxen nicht ausgeschlossen werden. Ein Kirchturmdenken sei fehl am Platz. Die Dezernentin fordert nicht nur mehr Kooperationswillen unter den Medizinern. Der gesetzliche Auftrag zur Sicherung der Ärzteversorgung kann aus ihrer Sicht nicht allein bei der KV liegen, sondern muss die Landkreise einbeziehen. „Es darf nicht sein, dass wir als Bittsteller auftreten müssen“, so Simmler. Die Koordinationsstelle, die der Kreisausschuss 2018 beschlossen hat, sei eine freiwillige Leistung, damit „alle relevanten Akteure für rasche Lösungen an einen Tisch gebracht werden“.

Das zunehmende Wegbrechen geburtenstarker Jahrgänge kennzeichne vor allem das Praxenschließen, sagt KV-Pressesprecher Karl M. Roth. Vor 20 Jahren habe es nur eine Handvoll freier Arztsitze für eine Übernahme gegeben, heute sind es in Hessen zwischen 300 und 400. Ein junger Arzt, der sich niederlasse, könne nun bei der Auswahl stärker individuelle Maßstäbe anlegen, wie Übernahmekosten, Patientenstruktur, Praxispersonal und ob der Ort etwa seinen Vorstellungen von Kita-, Schul- oder Freizeitangeboten entspreche. Gleichwohl Oberrodenbach keineswegs „jott-we-de“ sei, fiel es bislang durch das Raster potenzieller Interessenten. Da hilft auch wenig, dass die Gemeinde für den neuen Doktor ein Baugrundstück in petto hält - nicht gratis.

Eine andere Ebene des Nachbesetzungsproblems ist die „starke Feminisierung des Arztberufs“. Festanstellung und Teilzeit zugunsten des Familienlebens seien bei Frauen mehr gefragt, als das Einzelkämpfertum in der eigenen Praxis. Aber auch bei den männlichen Kollegen sei das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf angekommen, so Roth. Die KV sieht nun eine „Phase der Änderungen“, die zu einer verstärkten Zentrenbildung führe, auch um die knappe Ressource Fachpersonal gemeinsam zu nutzen. Der Arzt im Ort wird dann mancherorts zum Auslaufmodell.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare