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Auch beim Telefonieren hilft Katrin Philipp ein Gebärdendolmetscher, der per Kamera zugeschaltet ist.

Maintal

Gehörlose Mitarbeiter der Stadt Maintal: Reden mit Gesten

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Gehörlose Angestellte haben dazu beigetragen, dass die Stadt Maintal auf ihrer Webseite in Gebärdensprache informiert.

Angela Losinno und Katrin Philipp können sich angeregt unterhalten, dennoch herrscht ungewohnte Stille. Sie sprechen mit den Händen und hören mit den Augen. Die beiden Angestellten der Stadt Maintal sind gehörlos und stehen nach einigen Herausforderungen in der Anfangszeit mittendrin im Berufsleben. Ihre erfolgreiche Inklusion in die Stadtverwaltung hat auch dazu geführt, dass Maintal zu den ersten Kommunen zählt, die ihre Bürger in Gebärdensprache informieren (www.maintal.de).

Barrierefrei bedeutet für Losinno und Philipp nicht stufenlose Erreichbarkeit von Räumen oder breite, automatisch öffnende Türen. Als Philipp 2013 als Bauzeichnerin im Fachdienst Stadtentwicklung und Stadtplanung eingestellt wurde, war dies im Rathaus jedoch die gängige Vorstellung zu „barrierefrei“. Mit ihrer Anstellung und drei Jahre später der von Losinno für Außenbereichsplanung im Fachdienst Umwelt tat sich eine neue Dimension auf, die mehr als das Blinklicht im Büro für den Feueralarm erfordert. Denn beide Frauen nehmen an Besprechungen teil und haben Kontakt nach außen, zu Behörden und Bürgern, sagt Fachbereichsleiterin Ruth Karich.

Während Losinno dank Cochleaimplantats und eines taschenradiogroßen Kästchens auf dem Tisch mit ihrem Gegenüber ziemlich uneingeschränkt mündlich parlieren kann, ist dies bei ihrer Kollegin nicht möglich. Philipp kann weder hören noch sprechen, aber von den Lippen lesen. Vor dem nuschelnden Til Schweiger kapituliere sie, aber nicht, wenn jemand beim Sprechen ein gutes Mundbild zeige und sich in normalem Tempo äußere, teilt sie über ihre Dolmetscherin mit, die ungenannt bleiben möchte. Als Übersetzer bleibe man völlig im Hintergrund, sagt die Frau, die nur mit Philipps Einverständnis über sich spricht.

Gebärdensprache

Weltweit soll es rund 140 Gebärdensprachen geben.

In Deutschland gilt die Deutsche Gebärdensprache (DGS) als Standard, den etwa 200 000 Personen nutzen. Die DGS ist seit 2002 Teil des Behindertengleichstellungsgesetzes etwa mit einer Dolmetscherpflicht bei Behörden.

Über 175 Jahre wurde hierzulande gehörlosen Kindern verboten, in Gebärden zu kommunizieren, angeblich um das Erlernen der kaum oder nicht wahrnehmbaren Lautsprache zu nicht erschweren.

In Hessen ist die DGS in Schulen als Wahlfach zugelassen.

Bei der Stadt Maintal übernimmt das Integrationsamt des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen die Kosten für technischen Hilfsmittel und Dolmetscher. sun

Durch den Alltag geht die Angestellte ohne Übersetzer, für Besprechungen wird ein Dolmetscher bestellt. Das verlange einen zeitlichen Vorlauf bei der Terminplanung; bei ad hoc angesetzten Gesprächen sei das nicht immer möglich. Bis zu einem gewissen Grad kann man sich in Philipps Fachbereich auch so helfen. Mit ihrer Anstellung schickte die Stadt interessierte Kollegen in einen Gebärdensprachkurs, der auch gleich 13 Teilnehmer fand. Zwei Beschäftigte vertieften ihre Kenntnisse sogar im Bildungsurlaub. Der Schwatz in der Mittagspause oder auf dem Flur ist somit auch für Philipp möglich. „Wenn alle Stricke reißen, gibt es immer noch Bleistift und Papier“, sagt sie. Für Telefonate muss Katrin Philipp wieder einen Dolmetscherdienst in Anspruch nehmen. Ihre Hilfsmittel sind hierbei der PC-Bildschirm und eine kleine Kamera darauf. Ein Mitarbeiter von Tess-Relay-Dienste sieht ihre Gesten und übersetzt sie in gesprochene Sprache und umgekehrt. Wer Philipp vor außen anruft, wird immer zuerst mit dem Dienstleister verbunden. Länger als 30 Minuten darf das Gespräch allerdings nicht dauern, um den Dolmetscher nicht zu überanstrengen.

Bei der jüngsten Erweiterung des Internetauftritts war die Stadt somit für eine weitere Gruppe von Menschen mit Beeinträchtigung sensibilisiert. Eigentlich müssten alle Kommunen eine Einführung über die Nutzung ihres Portals in Gebärdensprache installieren, weil dies eine gesetzliche Verordnung zur einem barrierefreien Internet verlange, sagt Stadtpressesprecherin Martina Faust. Barrierefreies Internet besteht zumeist aus Text in einfacher Sprache und in Audioangeboten.

Allerdings ist die Erläuterung in Gebärdensprache erst ein Anfang, nicht nur in Maintal. Pro Familia Hessen zum Beispiel hat auf ihrer Seite zu allen relevanten Themen ein Video in Gebärdensprache parat.

Die Zahl der kulturellen Veranstaltungen für Gehörlose ist mutmaßlich noch sehr klein. Bei den Hanauer Brüder-Grimm-Festspielen übersetzen seit wenigen Jahren am Bühnenrand Simultandolmetscher das Gesagte im Märchen bei einer Vorstellung für Kinder und einer für Erwachsene. Für diese Besucher werden jeweils 40 Plätze mit gutem Sichtkontakt reserviert. Bei den Bad Vilbeler Burgfestspielen heißt es, man arbeite an dem Thema. Im Stadtparlament hingegen ist es schon angekommen: Der Grüne Sascha Nuhn nimmt seit vier Jahren barrierefrei aktiv an den Sitzungen teil. Mit zwei Dolmetschern, die im Wechsel arbeiten.

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