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Schöner Abgang: Bürgermeister Andreas Weiher (SPD) auf der repräsentativen Haupttreppe, die wegen heutiger Bauvorschriften mehr Tragkraft und ein erhöhtes Geländer erhielt.

Schloss

Im Fürstenzimmer tagt bald der Magistrat

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Die Stadt saniert das 800 Jahre alte Schloss für zwölf Millionen Euro und zieht Ende Februar selbst ein.

Dass an diesem Gebäude einmal 40 Jahre Leerstand und davor eine alles andere als fürstliche Nutzung schwer genagt haben, ist ihm in keiner Weise mehr anzusehen. Noch vor drei Jahren waren die Fenster mit Brettern vernagelt, damit Regen nicht durch die zerbrochenen Scheiben in die heruntergekommenen Räume eindringen konnte. Der Putz an den Fassaden hing in Fetzen herab, Moos und Schimmel hatten dort ihren Platz gefunden. Innen sah es nicht besser aus, als hätte seit Kaiser Barbarossa dort keine Seele mehr ein Zuhause gehabt. Aber nun sieht das gut 800 Jahre alte Schloss Wächtersbach wie aus dem Ei gepellt aus. Und es wird auch bald mit Leben gefüllt sein.

Ende Februar zieht die komplette Stadtverwaltung ein - der Bürgermeister in das ehemalige Arbeitszimmer des Fürsten, der Magistrat ins Wohnzimmer mit großem Kamin. „Am 3. März ist der erste Bürgertag“, sagt Bürgermeister Andreas Weiher (SPD). Bedenken wegen des Termins hat er keine, obwohl noch Handwerker kräftig mit ihren Maschinen zu Gange sind und die stählerne Feuernottreppe noch nicht eingebaut ist. „Das täuscht“, sagt Weiher zum Baufortschritt.

Zwölf Millionen Euro steckt die Stadt in die Wandlung des einst den Ysenburgern gehörenden Schlosses - eines, wie man es aus dem Märchenbuch kennt -zum Rathaus. Zuvor wurde es der Handelskette Globus für 1,85 Millionen Euro abgekauft. Keine schmerzliche Ausgabe, denn zum nahezu gleichen Preis kaufte Globus das derzeitige Rathausgelände, um seinen danebenliegenden Markt zu vergrößern.

Der Umzug in das Schloss ist nicht einer Großmannssucht des Magistrats geschuldet. Das jetzige Rathaus ist Baujahr 1977 und heute ein energetischer Sündenfall, der dringend mit vier Millionen Euro behoben werden müsste, so Weiher. Den Betrag hat die Stadt nun aus EU-Förderung für die Schlossinstandsetzung erhalten. Obendrein gab es Geld von Land, Bund und der Stiftung Denkmalschutz, in Summe knapp 400 000 Euro.

Ü berdies motivierte der niedrige Zinssatz den Magistrat, ein Projekt zu stemmen, das sich die Stadt vor zehn Jahren hätte kaum leisten können. Damit Kosten oder Ausführung nicht aus dem Ruder laufen, wurde auf einen Generalunternehmer verzichtet. Alle Gewerke schrieb die Stadt selbst aus.

D er Komplex mit vier zum Quadrat angeordneten Flügeln und zwei äußeren Treppentürmen bildet jetzt den ansehnlichen Abschluss der adrett hergerichteten Altstadt, bevor es in den steilen Waldhang geht. Das Schloss ist die Keimzelle der Stadt. Kaiser Barbarossa ließ es mutmaßlich 1190 als staufische Jagd- und Sicherungsanlage bauen. Bei der Sanierung wurde im Boden des künftigen Bürgerbüros eine Strecke Staufer-Mauer entdeckt, deren Verlauf nun Linien im Parkett symbolisch andeuten. Ende des 17. Jahrhunderts ging das Areal in den Besitz der Ysenburger über. Prinzessinnenbau, Rentkammer und Marstall kamen hinzu, später noch manche Modernisierung wie ein wassergetriebener Personenaufzug. Nach dem Dachstuhlbrand 1939 verlegte die Fürstenfamilie ihren Sitz nach Büdingen. Zuletzt nutzte der Deutschen Entwicklungsdienst das Schloss von 1966 bis 1977 als Schulungsort.

Das Schloss werden Bürger nicht nur beim Gang „aufs Amt“ betreten können. In ein L-förmig verlaufendes Gewölbe im Parterre soll Gastronomie einziehen. Der 200 Quadratmeter große Stadtverordnetensaal ist für Kulturveranstaltungen vorbereitet, mit einer ausfahrbaren Bühne. In der Kapelle mit ihrer gotischen Spitzbogendecke entsteht das Trauzimmer.

Mit der Sanierung ist ein moderner und barrierefreier Verwaltungsbau entstanden. Gleichwohl ist die Historie an vielen Stellen konserviert und sichtbar. Sehr augenfällig ist etwa die breite hölzerne Haupttreppe, die den Besucher komfortabel in die Obergeschosse führt. Das für 1,3 Millionen Euro neu aufgebaute Dach hat wieder seine Gliederung mit fünf großen Gauben erhalten. Aber nicht alles wurde der Bearbeitung von Handwerkern unterzogen, etwa die steilen Gesindetreppen, die sich im engen Schacht spiralförmig durch das bis zu zwei Meter starke Mauerwerk ziehen. Auch der Keller blieb unangetastet. Weiher kann sich jedoch vorstellen, dass die Gewölbe für Führungen geöffnet werden.

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