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Kazuo Katase verbindet Zen-Buddhismus und westliche Philosophie -und leidet unterm Volksmund

Den Blick aus dem fünften Stock mag er am liebsten. Kazuo Katase hat zum Gespräch nicht in sein Atelier, sondern ins Atrium des Diakonie-Gesundheitszentrums in Kassel geladen. Der mehrere Etagen überspannende Lichthof der Klinik wird beherrscht von einer achteinhalb Meter hohen Installation des Künstlers: Der überdimensionale Schirmflieger eines Löwenzahns trägt eine Tafel mit dem ersten Foto der Erde, das aus dem All aufgenommen wurde - der Erdball als Samenkorn im ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen.

Jetzt steht Katase auf der Balustrade in seinem Lieblingsstockwerk, schaut auf das Werk, das er "Schöpfung" genannt hat, und erklärt, was es mit ihm und seinem Leben zu tun hat. "Ich bin das", sagt der 61-Jährige und lächelt.

"Wie eine Pusteblume"

Vor mehr als drei Jahrzehnten, im Jahre 1975, kam Kazuo Katase von Japan nach Deutschland. Erst nach Wolfsburg, dann nach Kassel. "Und wie eine Pusteblume bin ich hier hängen geblieben." Zufällig ja, aber nicht ohne Sinn: Tokio war ihm zu groß, zu geschwätzig, "zu abstrakt", sagt er. "Kassel ist mir ein Ashram, eine Eremitage." Ein Rückzugsraum also, ein Platz für die künstlerische Entfaltung, die für den zweifachen Documenta-Teilnehmer immer auch geistige Entfaltung voraussetzt. "Kunst ist eine Brücke zwischen Natur und Geist", sagt er. "Ohne Geist ist nur Börsencrash."

Auch nach mehr als 30 Jahren in Kassel hat der feinsinnige Künstler die japanische Blumigkeit des Ausdrucks nicht gegen nordhessische Poltrigkeit getauscht. Nicht immer ist es einfach, ihm zu folgen, wenn er seine philosophisch-spirituelle Weltsicht ausbreitet, wenn er über Willen und Schicksal, Raum und Zeit, inneres und äußeres Sein spricht.

"Unsere Existenz ist wie ein Hauch", sagt er. "Wir müssen die innere Reise vorbereiten und eigene Wege zur Identität finden." Leichtfüßig zitiert der Wahl-Kasseler Hermann Hesse und Thomas Mann, Nietzsche und Heidegger und verknüpft ihre Gedanken mit dem japanischen Zen-Buddhismus, den er freilich erst aus der Ferne, in Deutschland für sich entdeckt hat.

"Ich wandere zwischen Orient und Okzident, zwischen zwei Herzen immer hin und her", sagt Katase. Im "Zwischenraum" zwischen Ost und West fühlt sich der Künstler zuhause. In seiner "Schöpfung" formt der Schirmflieger des Löwenzahns eine buddhistische Schale, die beiden tragenden Sporen aber bilden ein christliches Kreuz.

Seine Skulptur für den Kurt-Blaum-Platz in Hanau hat Katase "Der Entwurf" genannt. "Ein schönes deutsches Wort", findet er. Es klingt ihm nach Ideen, nach Projekten, nach "geworfenem" und sichtbar gemachtem Geist. An weißes Papier, das sich durch Fantasie wie märchenhaft in ein Gefäß verwandelt, an Schritte im Schnee hat er gedacht. Und nicht an eine "Wundertüte" oder "Schultüte", wie sein Werk von manchen Hanauern verspottet wird. "Deswegen verletzt mich das auch", klagt er. "Der Volksmund ist manchmal schlimm." Aber kein Grund für den Künstler, sich dem nicht immer wieder von Neuem auszusetzen. Der 61-Jährige ist bereit, den "Ashram" zu verlassen und für seine Kunst zu kämpfen - auch mit den Technikern, die seine Ideen in die Praxis umzusetzen haben.

"Die Statiker wollen alles immer dicker machen", erzählt er, und zeigt dafür ein wenig Verständnis: "In der Verwaltung muss man Torwart sein - aber wir Künstler sind eben Jäger." Auch die Herstellung der 17 Meter hohen Skulptur für Hanau durch eine Spezialfirma aus Friedrichsdorf hat er von Anfang bis Ende persönlich begleitet, hat gezeichnet und gerechnet. Unten sehr schmal, oben weit, das Ganze wie eine Muschel gedreht: Der aus perforiertem und weiß lackiertem Edelstahl gefertigte "Entwurf 2007" sollte so leicht wirken wie irgend möglich.

"Das war eine große Herausforderung", erinnert sich der Künstler. So kompliziert wie bei der "Schöpfung", die gleichsam schwebend unter dem Dach des Kasseler Klinik-Atriums hängt? Nein, sagt Kazuo Katase: "Noch viel schwieriger."

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