„Reiche in die City, Arme an den Stadtrand!“ lautet eine der Parolen.
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„Reiche in die City, Arme an den Stadtrand!“ lautet eine der Parolen.

Protest, Neue Mitte

„Freie Bahn für Kaufhauswahn!“

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Schöne neue Shoppingwelt? Hanaus Innenstadt wird zurzeit umgekrempelt. Das Sozialforum nimmt den Wirbel um die Neue Mitte bei einem satirischen Protestmarsch aufs Korn

Immer wieder skandieren die Demonstranten: „Reiche in die City, Arme an den Stadtrand!“ Und: „Weg mit den Bäumen, her mit den Pailletten!“ Fordern mehr Platz für dicke Autos und mehr Hubschrauberlandeplätze in der Hanauer Innenstadt. Und verteilen Kekse - sogenannte Freiheitsplätzchen, gefüllt mit Nougat, verziert mit „Paillettenschirmen aus kandiertem Fruchtgummi“. Beworben werden die Plätzchen als „Freiheit in mundgerechten, marktkonformen Häppchen“.

Angeführt wird der Zug von einem gewissen Egon Lagerfeld, einem angeblichen Hutdesigner und Verwandten von Karl Lagerfeld. Während der Tour präsentiert Lagerfeld unter anderem einen Hut mit Baustellensymbol und einen mit einer OB-Claus-Kaminsky-Maske. Dazu erklingen Lieder wie „Diamonds are a Girl’s Best Friend“ und „Money, Money, Money“ aus den Lautsprechern. Wie seine Mitstreiter fordert auch Egon Lagerfeld: „Mehr Kaufkraft und größere Portemonnaies für Hanau!“

Kritik an steigenden Mieten

Am bundesweiten Aktionstag „Keine Profite mit der Miete – Die Stadt gehört allen“ hat sich auch in Hanau eine Gruppe beteiligt. Angeführt von der Innenstadt AG des Sozialforums haben etwa 50 Aktivisten einen satirischen „Baustellenslalom“ durch Hanau gestartet – parallel zum sogenannten Super-Shopping-Samstag von Hanau Marketing. „Wir werden weiter den Finger in die Wunde legen und gegen die Kommerzialisierung der Innenstadt protestieren“, sagt Herwig Putsche vom Sozialforum, der Egon Lagerfeld spielt. Die Kritik richtet sich gegen den Innenstadtumbau. Vor allem gegen „steigende Mieten und die Verdrängung alteingesessener Mieter“, ein „überdimensioniertes Einkaufszentrum“ auf dem Freiheitsplatz, das für kleine Geschäfte den Tod bedeuten könne.

Auf der Südseite des Marktplatzes macht die Satire eine Pause, und Klaus Seibert, Stadtverordneter der Wahlalternative Maintal (WAM) und Kreisvorsitzender der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), hält eine ernste Rede: „Die großen Haus- und Grundbesitzerkonzerne, Unternehmerverbände und die ihnen ergebenen Politiker versuchen uns immer wieder einzureden, dass nur der Markt Probleme lösen könnte.“ Der Markt, sagt Seibert, richte es auf seine Weise: In der Louise-Schröder-Straße würden – genauso wie im West- oder Ostcarré – günstige Wohnungen abgerissen und Häuser für Besserverdienende geschaffen.

Passanten schließen sich an

Immer mehr Menschen werde der Strom abgestellt, immer mehr Menschen seien von Zwangsräumungen betroffen. „Wir werden keine Ruhe mehr geben. Wir stehen ganz am Anfang einer Bewegung, die immer mehr Fahrt aufnimmt“, sagt Seibert.
Der Protestzug zieht die Aufmerksamkeit vieler Passanten auf sich. Eine Frau ist vor der Sparkasse stehengeblieben, sie hört Seibert zu und nickt. Sie wohne um die Ecke und könne auch ein Lied von explodierenden Mieten singen. Sie solle wohl auch vertrieben werden, sagt sie.

Die satirische Demo findet sie „super“. Aber: „Das kommt alles viel zu spät. Es sind viel zu wenige, die mitmachen. Eigentlich müssten Tausende auf die Straße gehen.“ Viele Passanten lächeln und können die Kritik nachvollziehen, andere bezeichnen die Demonstranten als „linke Spinner“ und loben den Stadtumbau.

Der letzte Akt spielt vor der Galeria Kaufhof. „Jetzt wollen wir die Hanauer Kaufkraft anheben. Wir lassen sie fliegen!“, ruft Putsche. Überall sollten die Menschen erfahren, was für eine tolle Einkaufsstadt Hanau ist, so Putsche. Dann lassen er, seine Mitstreiter und Passanten, die sich ihnen angeschlossen haben, Luftballons steigen, um kaufkräftige Touristen anzulocken.

An jedem Ballon hängt eine Postkarte mit „Grüßen aus Hanau“ und fünf tristen Baustellen-Bildern. Das mit „Blick auf die Altstadt“ beschriftete Foto zeigt Abbrucharbeiten auf der Großbaustelle am Freiheitsplatz. Auf der Rückseite der Karte steht: „Copyleft by unbekannte Hanauer Künstlerin, garantiert nicht gefördert durch Hanau Marketing GmbH“. Und auf der Stelle für die Briefmarke ist zu lesen: „Aufgrund der angespannten Haushaltslage bitte frei machen, falls Marke zur Hand“.

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