+
Diana Witt (1. Vorsitzende Flügelbruch e.V.), Flügelbruch e.V., Hanau, im Bild: denkt trotz ihrer Krankheit Krebs positiv.

Hanau

Mit frechen Sprüchen gegen den Krebs

  • schließen

Hanau: Der Verein Flügelbruch will keine Selbsthilfegruppe sein.

Ein Nackter-Po-Fotoshooting am Meer mit anderen Menschen, kann nicht nur Spaß bereiten, sondern auch das Leben anderer Personen verändern – zumindest war das die Folge für Diana Witt. Dabei steckte die damals 38-Jährige in einer schweren Krise ihres Lebens, Schilddrüsenkrebs mit Metastasen. „Während der Therapie läuft man mit Scheuklappen durch das Leben und nach der Heilung fällt man in ein tiefes Loch“, sagt die Hanauerin. Sie hatte bereits zu ihrer Erkrankung einen Blog betrieben, merkte aber, „die virtuellen Begegnungen bringen wenig“. Sie suchte den realen Austausch mit Leidensgenossen, fand ihn in einem Aufruf in Facebook, der im Sommer 2016 zu ihrem Schlüsselerlebnis wurde. 18 krebskranke und geheilte Frauen folgten dem Aufruf zum Fototermin in die Niederlande und schrieben sich auf die Pobacken: „Don’t let friends fight cancer alone.“ Eine Gruppe, die das Selbstbemitleiden mit Freude am Leben und Aktivität beiseite schob. Dies war für Witt die Geburtsstunde des Vereins Flügelbruch.

„Das ist die Art Austausch, die ich gerne hätte“, sagt die Lehrerin. Nicht nur sie. Der vor zwei Jahren gegründete Verein hat mittlerweile 156 Mitglieder bundesweit – im Alter von zwölf bis 80 Jahren, Betroffene, die gerade erst ihre Krebsdiagnose erhalten haben, bis hin zum Hospizpatienten sowie Angehörige und Freunde. Auch die Frauenselbsthilfegruppe Hanau hat sich eingeschrieben. Am Leben teilnehmen, lässt sich die Devise von Flügelbruch beschreiben. Gemeinsame Unternehmungen gehören genauso dazu, wie Erkrankten einen vielleicht letzten Wunsch zu erfüllen. „Bei den Treffen etwa in einem Lokal wird viel gelacht und gelegentlich auch geweint.“

Gegenseitig sich etwas Gutes geben, das ist das Ziel. Ein Mitglied nimmt von Krebs Betroffene mit auf Segeltörn in seinem Boot. Wer die An- und Abreise nicht bezahlen kann, dem hilft der Verein. „Zur Erkrankung kommen nicht selten finanzielle Einschränkungen“, sagt Witt. Für günstige Urlaube, die wichtige Auszeiten sein können, lässt der Verein derzeit einen Ford Transit zum Wohnmobil umbauen. Mit Mitgliedsbeiträgen allein ist dies nicht zu stemmen. Spenden und Sponsoren beibringen, das zählt daher ebenso zu Witts Aufgaben, wie den Verein zu führen und das Thema Krebs stärker in die Öffentlichkeit zu bringen.

Ihre beste Freundin habe sich erst wieder gemeldet, als die Therapie erfolgreich beendet gewesen sei, sagt Witt. Möglicherweise sei es die Unfähigkeit, wie man mit einer schwer Erkrankten umgeht, sagt Witt. Es wäre doch um soviel besser, wenn man sagt: „Lass’ uns mal darüber reden“, als einen wichtigen Kontakt abzubrechen. Krebs zu enttabuisieren, ihm trotzig mit Lebenslust die Stirn bieten und Witze über den Krebs reißen, von denen Witt einige gern zum Besten gibt, das ist auch Flügelbruch. Mitleid oder Floskel wie „Du schaffst das schon“, helfen kaum. „Auch für Geheilte ist es oft schwierig, wieder in die Normalität zurückzufinden“, sagt Witt.

Nachfragen erwünscht

Ein Vereinsname der absichtlich ohne erklärenden Zusatz steht, außer im Internet, um bei der Suche „Krebs“ Flügelbruch zu finden. „Krebs ist kein Tabu“, heißt es dort erläuternd. „Ich war vorher ein Überflieger, mit der Erkrankung kam ich mir wie mit gebrochenen Flügel vor“, erzählt Witt über die Namensfindung. T-Shirts, bunte Armbänder mit dem Vereinsnamen gibt es, um Flügelbruch bei jeder Gelegenheit öffentlich zu machen, keineswegs allein als Zeichen der Zugehörigkeit oder Solidarität. „Die Leute sollen wegen des Namens fragen, damit wir mit ihnen ins Gespräch kommen, das Tabu brechen“, sagt Witt.

Für das kommende Jahr sollen einige Projekte angegangen werden. Eines ist schon gewiss, der Fotoband mit einem befreundeten Fotografen. Darin wird gezeigt, was geheilt bedeutet. Fest im Terminplan steht die internationale Begegnung im Frühsommer beim „Skinny dip“ in Irland, wenn mehr als 2500 Frauen – mit meist nichts auf dem Körper als rotzfrechen Sprüchen gegen den Krebs – in die zumeist zehn Grad kalte Irische See stürzen und darin mindestens fünf Minuten ausharren.

Mehr Infos: www.fluegelbruch.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare