Nidderau

Fahrer von Tötungsabsicht freigesprochen

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Ein 23-Jähriger soll Partygast überfahren haben. Doch es gibt Zweifel an den Zeugen-Aussagen.

Aus einem vermeintlichen Tötungsdelikt ist nach fünf Gerichtstagen und sehr vielen unterschiedlichen Zeugenaussagen eine Einstellung des Verfahrens gegen den 23-jährigen Angeklagten unter Auflagen geworden. 600 Euro Schmerzensgeld an den Geschädigten sowie Verzicht auf eine Entschädigung für die zu Unrecht ergangene siebenmonatige Untersuchungshaft lautete am Ende der Vorschlag der Vorsitzenden Richterin Susanne Wetzel. Staatsanwältin Lisa Pohlmann begründete die Zustimmung zur Verfahrenseinstellung mit den Worten: „Das Gerichtsverfahren hat einen komplett anderen Sachverhalt ergeben als nach den polizeilichen Ermittlungen festzustehen schien.“

Angeklagt war der Möbelpacker aus Bruchköbel, weil er am 26.Mai 2019 nach einer Geburtstagsparty in Nidderau-Heldenbergen mit seinem Auto angeblich vorsätzlich in eine Gruppe junger Partygäste gefahren und dabei einen Jugendlichen überfahren und verletzt haben soll. Zur Anklage war es gekommen, weil ein Großteil der Partygäste vor der Polizei und dann auch vor Gericht dem Angeklagten eine vorsätzliche Tötungshandlung unterstellt hatte. Allerdings unterschieden sich die Aussagen vor Gericht dann so deutlich, dass die Kammer schnell zu der Überzeugung gelangte, dass sich der Vorgang in der Nacht nicht so abgespielt haben konnte. Doch was sich auf der Party und an deren Ende dann tatsächlich abgespielt hat, das konnte auch das Gericht nicht zweifelsfrei klären – trotz Androhung von Beugehaft in einem Fall und den steten Hinweisen auf mögliche Konsequenzen für uneidlich falsche Aussagen.

Als am fünften Verhandlungstag dann die beiden Sachverständigen, der Rechtsmediziner Marcel Verhoff und der Kfz-Sachverständige Thomas Reichert, ihre Gutachten präsentierten und beide zu dem Ergebnis kamen, dass der Angeklagte den geschädigten Jugendlichen lediglich mit einer Geschwindigkeit von zehn km/h rückwärts angefahren und ihn dann auch nur teilweise überfahren haben konnte, zog sich das Gericht zur Beratung zurück.

Zeugen droht Ermittlung

Die Ermittlungen hätten ergeben, dass auf der Vorwurf eines versuchten Tötungsdeliktes und auch nicht der eines gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr aufrecht erhalten werden könnten, sagte die Vorsitzende Richterin. Allenfalls von einer fahrlässigen Körperverletzung sowie von einem unerlaubten Entfernen vom Unfallort könne geredet werden. Auf der anderen Seite stehe eine mehrmonatige und nach zwischenzeitlichen Erkenntnissen zu Unrecht angeordnete Untersuchungshaft.

Die Vorsitzende Richterin entschuldigte sich ausdrücklich bei dem Angeklagten für die erlittene Untersuchungshaft. Aber auch zu dem Verhalten der Zeugen hatte sie noch etwas zu sagen. Nach ihrer Ansicht darf der Rechtsstaat es nicht einfach hinnehmen, dass eine Gruppe Jugendlicher aus Rache oder sonstigen Gefühlen sich verabredet, einem Dritten Schaden zuzufügen. Der Wink ging in Richtung Staatsanwaltschaft, gegen einen Teil der jugendlichen Zeugen Ermittlungen wegen uneidlicher Falschaussage aufzunehmen.

Mit der Einstellung gegen Auflage wird für den Angeklagten der Fall jedoch noch nicht beendet sein. Denn möglicherweise droht ihm noch eine Schadensersatzanklage der Krankenkasse des Geschädigten, der sich nach dem Vorfall drei Monate hat krankschreiben lassen.

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