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An der Leipziger Straße ist es nach den Festnahmen für Anwohner und Nachbarn deutlich ruhiger geworden.

Gewalt, Gepöbel, Bedrohungen

Festnahme als Erziehung

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  • Jochen Dietz
    Jochen Dietz
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Monatelang hielt eine Gruppe Heranwachsender mit Gewalt, Gepöbel, Bedrohungen und Zerstörungen Erlensee in Atem. Doch Festnahmen im Frühjahr haben ihre Wirkung nicht verfehlt. An der Leipziger Straße ist es wieder ruhiger geworden.

Sie sollen Autos aufgebrochen und angezündet, Polizisten mit Steinen beworfen und Feuer gelegt haben. Bei einem ihrer Raubzüge sollen sie einen Jugendlichen mit einer Eisenstange zu Boden geschlagen haben, vom Dach eines Hochhauses einen Feuerlöscher geworfen haben.

Diese und andere Taten – unter anderem Einbruch, Raub und schwere Körperverletzung – werden Mitgliedern einer Gruppe von etwa 20 jungen Männern zur Last gelegt. Sie sollen überwiegend in Erlensee verübt worden sein, die Gruppe soll sich häufig in der Nähe der Hochhäuser in der Leipziger Straße getroffen haben. Für Polizei und Justiz war es oft schwierig, die Täter auszumachen. Die Gruppe, die mehrere Anführer gehabt haben soll, war demnach ein geschlossenes System, die Mitglieder hätten sich gegenseitig gedeckt, so Polizei und Justiz. Und viele Zeugen, Nachbarn, Anwohner hätten aus Angst geschwiegen.

Ende Mai wurden drei 17- bis 19-Jährige aus Erlensee und Bruchköbel festgenommen. Nach eigenen Angaben konnte die Staatsanwaltschaft die Beweislage damals gegen sie erhärten. Daraufhin kamen zwei der Verdächtigen zunächst in Untersuchungshaft, der dritte wurde davon verschont, weil er einen Arbeitsplatz hatte, musste aber eine elektronische Fußfessel tragen.

Lage deutlich gebessert

Laut dem Hanauer Oberstaatsanwalt Jürgen Heinze hat sich die Lage in Erlensee und Umgebung danach in den vergangenen Monaten deutlich gebessert. Die Festnahmen hätten Wirkung gezeigt, der Gruppe seien klare Grenzen gesetzt worden. Die Zahl der Vorfälle in Erlensee hätten das „normale Maß“ erreicht.

„Die seitherigen Inhaftierungen haben die Jugendlichen erzieherisch zu einem beachtlichen Teil beeindruckt und teils zu spürbaren Jugendsanktionen geführt. Auch ,mildere‘ Maßnahmen als die Verhängung von zu verbüßenden Jugendstrafen wie die Auferlegung von elektronischen Fußfesseln greifen“, sagt Heinze.

Es habe sich sogar gezeigt, dass auch von den Eltern die Strafverfolgung der Söhne als „Hilfe zur Erziehung“ positiv angenommen werde. Hinsichtlich mehrerer Körperverletzungen seien noch Strafverfahren anhängig. Einige wenige Jugendliche zeigen sich allerdings völlig uneinsichtig. Der „Reifeprozess“ der beteiligten Jugendlichen sei insofern unterschiedlich fortgeschritten, berichtet Heinze. „Die Staatsanwaltschaft wird die Vorkommnisse weiter konsequent verfolgen“, stellt er klar.

Insgesamt habe die Jugendgewalt zugenommen, so der Oberstaatsanwalt. So sei eine Zunahme des Gewaltpotentials bei Randgruppen von Jugendlichen – dabei häufig mit Migrationshintergrund – festzustellen. Das bestätigten seiner Ansicht nach auch Polizei, Pädagogen, Ausländerbehörden und Staatsanwälten. „Kriminologisch betrachtet dürfte es auf eine Mischung aus anderen kulturellen Gepflogenheiten der Konfliktbewältigung, fehlender Bildung und darauf beruhender sozialer Erfolglosigkeit zurückzuführen sein“, befindet Heinze.

Drastisches antisoziales Verhalten

Das gelte aber ausdrücklich nicht für alle Jugendlichen, sondern für eine Randgruppe. Die falle allerdings durch drastisches antisoziales Verhalten besonders auf. Details möchte der Staatsanwalt wegen laufender Ermittlungen und Verfahren nicht nennen.

Vor den Festnahmen sollen Mitglieder einmal gegenüber Beamten geäußert haben, sie seien „bereit, mit der Polizei zu verhandeln“ – für die Ermittler ein Zeichen für das gestörte Selbstverständnis der Gruppe. Einige der Heranwachsenden hätten keinerlei Respekt vor dem Gesetz, vor Regeln des Zusammenlebens.

Viele der mutmaßlichen Täter kommen aus schwierigen Familienverhältnissen, wurden in ihrer Kindheit und Jugend vernachlässigt, haben keinen Schulabschluss, heißt es in Ermittlerkreisen. Ein Beamter weist deshalb auf die soziale Dimension der Vorfälle hin. „Wie können wir vermeiden, dass Heranwachsende schon früh auf die Verliererstraße geraten, sich solchen Gruppen anschließen und sich über kriminelle Taten definieren? Eine intensivere Sozialarbeit ist sicherlich ein Mittel.“ Zum anderen betont er: „Die Taten müssen angemessen bestraft werden.“ Es müssten den jungen Leuten klare Grenzen gesetzt werden.

„Wir sind froh, dass wir bei den Polizeimeldungen inzwischen wieder unter ,ferner liefen‘ vorkommen und es an dieser Front ruhig geworden ist“, sagt Erlensees Ordnungsamtsleiter Peter Cord. Dennoch diskutiere man derzeit in Erlensee intensiv, wie eine künftige Kinder- und Jugendarbeit aussehen soll. Streetworker? Aufsuchende Sozialarbeit? Oder mehr „Law & Order“ wie durch die Festnahmen exerziert? „Angestellte Streetworker haben ja auch etwas mit Geldausgeben zu tun“, gibt Cord zu bedenken.

Hände werden nicht in den Schoß gelegt

Klar sei nur: Bei den festgenommenen Tätern handele es sich um Intensivtäter, die von einer Sozialarbeit gar nicht mehr erreicht werden, unbelehrbar seien. „Wir arbeiten daran, uns so aufzustellen, dass wir Kindern und Jugendlichen Angebote machen können, bevor sie in solche Kreise abgleiten“, erklärt Cord.

„Weil es jetzt ruhig geworden ist, legen wir noch längst nicht die Hände in den Schoß“, stellt er klar und verweist auf das „Team Kinder- und Jugendarbeit Erlensee“, kurz TKJE. Es bestehe ausschließlich aus Profis ohne ehrenamtliche oder politische Beteiligung. Die Migrationsbeauftragte und der Jugendkoordinator der Polizei seien ebenso dabei wie die Schulsozialarbeit der Georg-Büchner-Schule und Dieter Wichikowski, Pfarrer der evangelischen Gemeinde. „Wir sind eigentlich sehr zufrieden mit der momentanen Situation“, unterstreicht Cord. „Erlensee ist aber nun mal die einzige echte Wachstumsgemeinde im Main-Kinzig-Kreis. Und diese fortschreitende Urbanisierung hat eben nicht nur ihre Vorteile.“ Streetworker in einer Stadt von Erlensees Größenordnung von rund 13 300 Einwohnern gebe es in ganz Deutschland nicht.

„Ich bin seit 20 Jahren in der Ordnungsbehörde, es gab immer wieder Wellenbewegungen bei auffälligen Jugendlichen. So etwas gab es eigentlich schon immer.“ Die verstärkte öffentliche Wahrnehmung und die Sorgen und Ängste der Menschen in Erlensee lägen womöglich auch an den heutigen sozialen Netzwerken, mutmaßt er.

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