Kranzniederlegung auf dem Friedhof Klein-Auheim.
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Kranzniederlegung auf dem Friedhof Klein-Auheim.

Volkstrauertag

"So etwas vergisst man nicht"

Bei den Gedenkfeiern zum Volkstrauertag wird auch Kritik an deutschen Waffenexporten laut.

Von Anne Lorenc

Er ist immer noch in meinem Herzen. So etwas vergisst man nicht.“ Die zerbrechliche Dame in Schwarz, die sich verstohlen die Augen wischte, stand gestern ganz hinten an der Mauer zum Ehrenfeld auf dem Hauptfriedhof. Weit entfernt von den Rednern, Ehrengästen, dem Chor, der Stadtkapelle und den wenigen Besuchern, die an der Feierstunde zum Volkstrauertag teilnahmen. Die Dame in Schwarz hat 1940 ihren Bräutigam verloren. Er fiel beim Frankreichfeldzug, gerade 24 Jahre alt. Sie ist heute 91 und trägt noch immer Trauer im Herzen.

In allen Hanauer Stadtteilen fanden gestern Veranstaltungen statt, um offiziell den Opfern von Kriegen, des Holocausts, von Gefangenschaft, Vertreibung, Terror zu gedenken. Beteiligt waren unter anderem Kirchenvertreter, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und der Bund der Vertriebenen sowie Chöre und Musikgruppen und Reservisten.

Nicht viele Bürgerinnen und Bürger interessierten sich für diese Gedenkstunden. Doch Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) sprach Betroffenen wie der 91-Jährigen oder den Hanauern, deren Familienangehörige Vertreibung und Flucht erlebt haben, aus dem Herzen: Hinter jedem Namen auf den Verlustlisten, hinter jedem historischen Ereignis stehe individuelles, unendliches Leid. Dies trugen die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen, aber ebenso die Bürgerkriegsopfer in Syrien oder die in Afghanistan getötete oder zu Schaden gekommenen Bundeswehrsoldaten.

Kaminsky wollte den Gedenktag verstanden wissen als Mahnung an die Lebenden, sich für Frieden einzusetzen, gegen Gewalt und Terror vorzugehen. Dieses Engagement sei nötig. Während außerhalb von Europa Kriege toben, drohten hier andere Gefahren. Terror, organisierte Kriminalität, Massenvernichtungswaffen „und ihre Verbreitung“.

Kaminsky überließ die Interpretation dieser Formulierung seinen Zuhörern. Sehr viel deutlicher war bereits am Vormittag in der Trauerhalle Klein-Auheim der Grüne Ortsvorsteher Sascha Feldes geworden. Er verknüpfte diesen Tag des „Nichtvergessens“ von früheren und heutigen Gräueln mit der Frage, was die Deutschen und ihre Politiker für den Frieden täten. Er erinnerte daran, dass „aktuell stattfindende Kriege, Gewaltherrschaften, Vertreibungen und Flüchtlingstragödien“ täglich in den Medien vorkämen. Doch kaum jemand mache sich Gedanken über die Verwicklung Deutschlands.

Seine Repräsentanten versuchten zu vermitteln und zu verhandeln, stünden sich aber selbst im Weg: „Weil der Verkauf von Waffen ein lukratives Geschäft ist“. Feldes brachte Zahlen ins Spiel. Als drittgrößter Waffenexporteur nach den USA und Russland habe die deutschen Rüstungsindustrie im Jahr 2011 für rund elf Milliarden Euro Waffen in die Welt geliefert. Für Flüchtlinge gebe man lediglich 300 Millionen aus. Deutsche Kleinwaffen – dazu zählten auch Maschinengewehre – seien Exportschlager und gelangten durch illegale Verkäufe in Krisenregionen. „Selbst in Afghanistan schießen die Taliban mit deutschen Waffen auf deutsche Soldaten“.

Mit Kaminsky war sich Feldes einig, dass der Volkstrauertag eine Mahnung beinhalte. Im Großen wie im Kleinen daran zu arbeiten, dass Menschen in Frieden und Freiheit leben können. Zwei ältere Frauen nickten zustimmend. Eine trug ein Grablicht. Für den Bruder der Mutter, der irgendwo auf der Krim verscharrt worden war.

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