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„Eine Zeitbombe“

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Sozialarbeiter Holger Franz über die Situation in der Daimlerstraße.

Herr Franz, weshalb kommen die Menschen aus der Daimlerstraße zu Ihnen?

Wir geben ihnen Gutscheine für Essen und Kleidung und helfen ihnen beim Ausfüllen von Formularen. Meistens sind es Anträge für Eltern- und Kindergeld. Damit versuchen viele der Familien, ihr Leben zu finanzieren – zumindest zum Teil. Bei einigen lautet das Motto: Je mehr Kinder, desto mehr Geld. Das soll kein Vorwurf sein. Ich habe Verständnis dafür, dass die Menschen versuchen, sich in Deutschland durchzuschlagen. In Rumänien siechen sie dahin. Man muss es so drastisch formulieren.

Vor welchen Problemen fliehen sie?

Sie bekommen dort keine Arbeit, leben in katastrophalen Verhältnissen ohne fließendes Wasser und Heizung, hungern – und werden als Roma wie Aussätzige behandelt. In Deutschland geht es ihnen zwar besser, doch hier fallen sie durchs soziale Raster.

Was heißt das?

Auf die meisten Sozialleistungen, etwa Hartz IV, haben sie ebenso wenig Anspruch wie auf kostenlose Sprachkurse. Und einer abhängigen Beschäftigung mit Sozialversicherung dürfen sie nicht nachgehen. Viele machen sich daher selbstständig, in der Recycling-, der Bau- oder der Logistikbranche. Oft handelt es sich um eine Scheinselbstständigkeit. Die Männer werden als Tagelöhner auf dem Bau oder in Lagerhallen ausgebeutet. Mitunter bekommen sie deutlich weniger als fünf Euro – wenn ihnen das Geld nicht weggenommen wird. Es ist wahrscheinlich, dass viele der Rumänen hohe Summen zahlen mussten, um nach Deutschland zu kommen. Dadurch haben sie sich verschuldet und sind in ein Abhängigkeitsverhältnis geraten. Hinzu kommt, dass sie als Roma auch bei uns ausgegrenzt werden.

Kennen Sie konkrete Fälle?

Ich habe davon gehört, dass Jugendliche aus der Daimlerstraße an einer Hanauer Förderschule von Mitschülern als angebliche Überträger von Krankheiten stigmatisiert werden. Mehrfach soll es an der Schule deshalb Schlägereien gegeben haben.

Sie sind seit 15 Jahren Sozialarbeiter und auch als Streetworker auf Hanaus Straßen unterwegs. Wie schätzen Sie die Lage in der Daimlerstraße ein?

Eine solche Situation habe ich noch nicht erlebt. Die Politik spricht ungern über dieses Thema, aber die Daimlerstraße ist eine Zeitbombe. Die öffentliche Hand kann diese Subkultur nicht kontrollieren. Auch ich kriege dort kaum einen Fuß in die Tür. Die Rumänen sind untereinander gut vernetzt und halten zusammen, aber misstrauisch gegenüber Außenstehenden. Von mir erwarten sie nur schnelle materielle Hilfe und lügen teilweise dafür; an einem Vertrauensverhältnis sind sie nicht interessiert – was nachhaltige Sozialarbeit schwer macht.

Was könnte eine intensivere Sozialarbeit bewirken?

Ich habe keine große Hoffnung, die Lage ist zu verfahren. Natürlich könnte eine intensivere Sozialarbeit einigen der Zuwanderer helfen – aber dann würden die nächsten mit den gleichen Problemen kommen.

Das Interview führte Gregor Haschnik

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