Die Peanut Cracker 2014: Gerd Wegner mit Cornet, Eckard Meise mit Klarinette, Bernd Witzgall, Hans Federmann.
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Die Peanut Cracker 2014: Gerd Wegner mit Cornet, Eckard Meise mit Klarinette, Bernd Witzgall, Hans Federmann.

Hanau

Der Drang nach Neuem

  • Detlef Sundermann
    vonDetlef Sundermann
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Sie hießen die Peanut Crackers und sollen mit zu den beliebtesten Jazz-Combos in den Tanzsälen der Stadt gezählt haben. Nach gut 50 Jahren haben die „Jazzer“, wie einer der Akteure die Gruppe bezeichnet, eine CD herausgebracht – mit Live-Mitschnitten von damals.

Die B-Klarinette von Eckhard Meise ist auf den meisten Stücken mit einer Präsenz zu hören, als ob Mr. Acker Bilk persönlich der Combo „Peanut Crackers“ vorstünde. Hinter dem Namen stecken jedoch fünf Hanauer Schulbuben, die heute alle reife Herren sind. Das Pennäler-Quintett von der Hohen Landesschule (Hola) brachte von 1958 bis Mitte der 1960er Jahre Jazz in den Ballsaal der Tanzschule Berné, in den Jazzkeller, der sich damals im Café Krück befand oder in den Keller „Patrizia“ von Heinz Münch. Was Bob Dylan mit seinen „Basement Tapes“ gemacht hat, taten nun auch die einstigen Peanuts Crackers. Man hat alte Songs, die auf Tonbändern die Jahrzehnte überstanden, nun auf eine CD herausgebracht.

Gerhard Henkel, Bernd Witzgall, Detlev Rohwer, Hans Federmann und Eckhard Meise bildeten die Stammbesetzung. Meise, der als einziger noch in Hanau lebt, erzählt: „In den ersten Jahren nach dem Krieg war in der Stadt alles in Trümmern und grau, wir wollten einfach was anderes tun.“ Man saß in einer Klasse, beherrschte Instrumente und alle liebten den Jazz etwa von Joe „King“ Oliver und dem frühen Louis Armstrong. Nachdem die ersten Proben gut verliefen, machten sich die Holaner daran, sich einen griffigen Namen zu geben – und „es sollte schon was Englisches sein“. In der Marktstube sei beim Erdnussessen die Idee zu Peanut Crackers gekommen, so Meise.

Meise, der von der elterlich verordneten Querflöte („mit der konnte man von nun an nicht viel anfangen“), auf Klarinette umsattelte, schwärmt nicht nur von einer schönen Zeit, die für die Oberstufenschüler begann. „Die Musik, die wir machten, war harmlos gewesen und dennoch waren wir Anfeindungen vor allem in der Schule ausgesetzt“, so Meise. „Für viele Lehrer war es nur Negermusik.“

Anfeindung wegen Jazz

Die Crackers wurden traktiert etwa mit dem Aufsatzthema „Jazz ist gesundheitsschädlich“. Die Nazi-Zeit spukte offenbar auch 13 Jahre nach deren Untergang immer noch in so manchem Erwachsenenkopf. „Mit Musik die Lehrer ärgern, dass ist auch schön“, erklärt Meise die Auflehnung gegen den Kulturmuff. „Die Älteren haben gedacht, die jungen Leuten können sich mit Operetten anfreunden. Das war doch völlig daneben gedacht.“ Das galt für die Peanut Crackers, aber auch allgemein für die damalige deutsche Kultur. „Im Kino beispielsweise sah man immer noch die selben Schauspieler, die zumeist unter dem Nazi-Regime aufgetreten sind. Wir wollten aber was Neues, was nichts mehr mit dem Alten zu tun hatte“, sagt Eckhard Meise.

Das Repertoire für das Neue stellte sich die Band mit Abhören von Schallplatten zusammen. Sie bildete ebenso die Probengrundlage, wenn es bei Noten Fuchs in Frankfurt keine Notationen zu kaufen gab. Geprobt wurde in elterlichen Wohnungen, in einer Gartenhütte oder im Schulkeller, weil der Direktor und ein Musiklehrer ihre schützende Hand über die Combo hielt.

Nach der Schule verdienten die Crackers mit ihrer Musik Geld für das Studium. Danach sei Schluss gewesen, so Meise. Beruf und Familienleben zog alle in eine andere Richtung. Vor Jahren sei die Idee aufgekommen, mit den Aufnahmen aus den alten Tonbändern eine CD zu produzieren. Es sind Live-Mitschnitte der Tanzschule oder von Fans bei Auftritten, was am gelegentlichen Stimmengewirr im Hintergrund zu hören ist. Ob der Aufnahmeumstände ist die Tonqualität beachtlich. Die 19 Titel spannen einen Bogen von New Orleans Jazz bis Ivanovicis „Donauwellen“.

Peanut Crackers live ist zum Preis von zehn Euro bei der Tanzschule Berné, Stresemannallee 7 erhältlich.

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