Hanau

Vergessene Erinnerungen

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Eine Ausstellung in Hanau informiert in chronologischer Abfolge auf anschauliche Weise über das Leben von Rudolf Schwab, der vor den Nazis fliehen musste.

Mit dem Fund eines großen Holzkoffers im Jahr 1986 nach einem Feuer in einer Garage im südafrikanischen Johannesburg fing alles an. Norman Schwab entdeckt in dem Behältnis für große Reisen mehr als 2000 Briefe, eingewickelt in Papier und von Kordeln zusammengehalten. Das Vermächtnis seines Vater Max, das nach vielen Jahren wieder auftauchte. Rudolf Schwab floh 1933 als junger Mann aus Hanau vor den Nazis nach Südafrika. Er wurde als Jude verfolgt.

Die Briefe dokumentieren eine Familiengeschichte, die von der britischen Historikerin Shirli Gilbert, Professorin für Neue Jüdische Geschichte, für eine Publikation aufgearbeitet worden ist. Gilbert hat hierzu die Ausstellung „From Things lost – Forgotten Letters and the Legacy of the Holocaust“ für das Jüdische Museums Kapstadt kuratiert, die noch bis zum Ende des Monats auch im Neustädter Rathaus zu sehen ist. Ein Manko der Schau, die das Leben von Rudolf Schwab auf 20 Tafeln eindruckvoll darstellt, alle erläuternde Texte sind in englischer Sprache.

Rudolf Schwab wurde am 21. Oktober 1911 in einer seit dem frühen 17. Jahrhundert in Hanau ansässigen jüdischen Familie geboren. Sein Vater Max war Edelsteinhändler und kämpfte im Ersten Weltkrieg für den deutschen Kaiser. Mit der Ernennung von Adolf Hitler als Reichskanzler am 30. Januar 1933 schützte dies alles die Schwabs wie auch andere Millionen Juden in Deutschland nicht vor dem Nazis-Terror mit seiner Vernichtungsmaschinerie. Einer, der dies früh erkannte, war Rudolf Schwabs Freund aus Kindertagen, Karl Kipfer. Er, selbst NSDAP-Funktionär, riet im Mai 1933 Rudolf zur Flucht, einen Tag vor seiner Verhaftung. Kipfer nahm 1948 aufgrund einer Suchanzeige brieflichen Kontakt zu Schwab auf. Nicht, wie Kipfer hervorhobt, aus „persönlicher Vorteilsnahme“ etwa vor der Spruchkammer, über die die Entnazifizierungen liefen.

Flucht nach Südafrika

Rund sechs Jahre vor dem Pogrom in Hanau, von dem 477 Juden betroffen waren, floh Rudolf zunächst nach Belgien und über die Niederlande nach Südafrika. Andere Verwandte setzten sich ebenfalls ab, nach Shanghai, São Paulo, Buenos Aires, Stockholm und Montreal. Rudolf hält den Kontakt zu ihnen über viele Briefe, angefangen von Neujahrsgrüßen.

Rudolfs engere Familie aus Mutter Martha, Bruder Hans und dem Vater blieb mutmaßlich in falscher Hoffnung in Hanau. Mit Briefen an den Meldedienst des Deutschen Roten Kreuzes informierte sich Rudolf Schwab über die Situation seiner Familie. Beispielhaft werden in der Ausstellung einige Anfragen und Antworten als Faksimile präsentiert. Ab 1942 verliert sich immer mehr die Spur. Der Vater wird in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt, wo er stirbt. Mutter und Bruder werden unbekannt deportiert, meldet das DRK. Auch sie überleben das Lager nicht.

„From Things lost“ vergegenwärtigt in chronologischer Abfolge auf anschauliche Weise, zu der auch Fotografien gehören, das Schicksal der Familie Schwab. Die Ausstellung zeichnet auch Rudolfs weiteren Lebensweg nach, in einem Umfeld der Rassentrennung. Die Ausstellung kann ob des begrenzten Umfangs nur ein historisches Fenster mit wenigen Brief-Faksimiles bieten. Vertiefende Einblicke gewährt hingegen die unter gleichem Titel von Gilbert erschienene Dokumentation.

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