Essen im Arbeitsamt

Deftiges im Ambiente der 70er

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Die Kantine der Agentur für Arbeit in Hanau ist auch bei Gästen beliebt. Besonders Rentner freuen sich über die günstigen Gerichte.

Atmosphärisch versprüht die Kantine im sechsten Stock der Agentur für Arbeit noch den Charme der späten 70er Jahre: Braune Lampen hängen von der weißen Gitterdecke, unter der kaltes Neonlicht durchscheint. Die Wände sind ockergelb gestrichen, das Mobiliar ist nüchtern, einziger Schmuck sind orangefarbene Kübel mit Hydrokulturpflanzen. Wer die weißen Vorhänge beiseiteschiebt, hat einen weiten Blick über das Gelände des Hanauer Hauptbahnhofs. „Das ist noch die originale Einrichtung aus der Zeit, als das Haus gebaut wurde“, schmunzelt Pächter Thomas Scholz.

Die Gäste stört das Ambiente – das ja auch schon wieder seinen besonderen Reiz hat – nicht. Um 11 Uhr sitzen bereits die ersten an ihren Tischen, lesen Zeitung und warten auf den Beginn der Essensausgabe eine halbe Stunde später. Die meisten von ihnen sind ältere Menschen, auch ein Bahnarbeiter ist dabei, er kommt jeden Tag. Denn essen kann in der Kantine nicht nur die Belegschaft der Arbeitsagentur, sondern jeder.

Speiseplan wechselt täglich

Vor allem Rentner nutzten bislang das Angebot, sich dort zu günstigen Preisen verköstigen zu lassen, sagt Scholz. Täglich gibt er rund 45 Mittagessen aus: „Im Schnitt gehen 30 an unsere Mitarbeiter, 15 an Gäste von außen.“ Der Speiseplan wechselt täglich und bietet die Wahl zwischen einem Imbiss zum Preis von 1,50 bis 2 Euro, belegten Brötchen für 1,20 Euro, einem Salatbüfett, das je nach Größe 1,20 oder 2,50 Euro kostet, sowie zwei Hauptgerichten (eines davon vegetarisch), für die Angestellte 4,50 Euro und Gäste fünf Euro bezahlen; wer nur wenig Hunger hat, bekommt für drei Euro eine kleine Portion. Auf der Karte steht vor allem gutbürgerlich Deftiges, „so wünscht es die Kundschaft“, sagt Küchenchef Scholz: Schweinkrustenbraten mit Kartoffeln und Kraut zum Beispiel, Schweineschnitzel mit Pustasauce, Brokkoliauflauf oder Matjesfilet „nach Hausfrauenart“ – und in der Weihnachtszeit auch mal Gans mit Klößen und Rotkohl. Als Imbiss oder herzhaftes Frühstück gibt es Würstchen und Fleischkäse. In einem speziellen Briefkasten kann man auch Wunschzettel einwerfen, „95 Prozent davon setze ich um“, verspricht Scholz. Zuletzt hieß das: Sauerbraten und Hühnerfrikassee oder Ausgefallenes wie Geflügelgulasch in Metaxasauce. Solche exotischen Vorlieben sind allerdings selten: Die Stammgäste mögen es eher traditionell. Vor einigen Wochen hat Thomas Scholz mal asiatisch gekocht: „Das kam vor allem bei den Älteren nicht so gut an“, erzählt er.

Seit 2008 ist der 47-jährige Familienvater Pächter der Kantine, seine Erfahrung in der „Gemeinschaftsverpflegung“ umfasst aber eine weit größere Zeitspanne: 22 Jahre lang hat Thomas Scholz in der Altenwohnanlage der Martin-Luther-Stiftung gekocht. Die größte Herausforderung dieser Branche ist es, schmackhaften, möglichst gesunde Küche mit der Menge und niedrigen Preisen unter einen Hut zu bringen. „Die richtige Kalkulation ist das A und O“, sagt Scholz.

Nur sehr selten Dosenware

In der Kantinenküche arbeitet er mit seiner Frau Bogdanka alleine – da sind zeitaufwendige Tätigkeiten wie das Schnippeln von frischem Gemüse natürlich kaum drin. Dosenware kommt in der Kantine aber nur höchst selten auf den Tisch, meistens verwendet Scholz Tiefkühlprodukte, die mehr Vitamine enthalten. Bei Soßen greift er oft auf fertige Mischungen zurück, die er dann noch verfeinert – allerdings, ohne allzu stark zu würzen: „Das habe ich im Altenheim gelernt.“ Das Fleisch hingegen ist so gut wie immer Frischware, und auch die Kartoffeln werden stets von Hand geschält und zubereitet: „Gerade in diesem Punkt sind unsere Gäste sehr eigen“, sagt Scholz, „da darf eher mal alles andere schlechter schmecken als die Kartoffeln.“

Die Kantine im sechsten Stock der Agentur für Arbeit, am Hauptbahnhof 1, hat montags bis donnerstags von 8.30 bis 14.30 Uhr geöffnet sowie freitags von 8.30 bis 14 Uhr.

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