Westkarree

Ein Wiedersehen vor Gericht

  • Detlef Sundermann
    vonDetlef Sundermann
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Baugesellschaft will die letzten Mieter aus dem Westkarree klagen.

Da brauchen Sie gar nicht zu klingeln. Die sind alle ausgezogen – die letzten vor Weihnachten“, ruft die Secondhand-Warenhändlerin von der anderen Straßenseite herüber. Aber an den Haustüren hängen doch frische Zettel, die den Ableser der Stadtwerke ankündigen?

Einige Fenster der knapp 180 Wohnungen im sogenannten Westkarree an der Französischen Allee widersprechen der Aussage der Händlerin. Gardinen und Pflanzen an den Fenstern deuten auf Menschen in den ansonsten leeren, langgestreckten vier Wohnblocks hin. Diese Mieter wollen sich der Forderung der Baugesellschaft Hanau (BGH) nach Auszug nicht beugen.

Einer davon ist Ali Kocak. „Meine Kündigungsfrist endet am 31. Januar“, erzählt er. Danach droht ihm und seiner Familie die Räumungsklage. In drei Fällen versucht die BGH bereits, die Mieter aus den Wohnungen zu klagen. Die Erfolgsaussichten sind unklar, ebenso der Zeitpunkt des möglichen Zwangsumzuges.

Für die vierköpfige Familie Kocak ist der Verbleib weniger mit Sentimentalitäten zum Quartier verbunden, denn mit Kosten. Für zwei zusammengelegte Wohnungen zahlen sie rund 450 Euro Kaltmiete an die BGH. „Die bislang von der Baugesellschaft angebotenen Ersatzwohnungen sind mit 700 bis 900 Euro einschließlich Nebenkosten schon sehr teuer“, sagt er. „Ich bin Alleinverdiener“, erklärt Kocak.

Seit ein paar Jahren werden die rund 62 Jahre alten Wohnblocks leergewohnt. Sie sollen im Zuge des Stadtumbaus neuen Wohnhäusern für gehobene Ansprüche weichen, so die Planung der Stadt. Das Wohnen im Westkarree sei beschwerlich geworden, berichtet Kocak. „In den Wintermonaten müssen wir viel heizen, weil die anderen Wohnungen leer stehen“, bemerkt er. Zudem sei die Leere des Quartiers quälend. „Hier ist es zwar sehr ruhig, aber wir leben in ständiger Angst vor Einbrüchen“, sagt Kocak.

Die BGH sei nicht immer ehrlich und offen in den Versammlungen mit den Mieter umgegangen, ist sein Eindruck. „Auch bei der Wohnungssuche hat man uns behandelt, als seien wir Neumieter“, erzählt Kocak, der seit 28 Jahren in der Französischen Allee wohnt. So sei einmal eine angebotene Ersatzwohnung an andere Interessenten vergeben worden, obgleich man bei der Baugesellschaft wegen der Wohnung einen Termin wünschte.

Kein Sozialplan bei Klage

BGH-Geschäftsführer Jens Gottwald erklärt, dass es für alle Mieter Angebote und finanzielle Hilfen aus dem Sozialplan mit einem Budget in Höhe von 500000 Euro gab. Doch: „Für Mieter, gegen die eine Räumungsklage läuft, wird der Sozialplan nicht gelten.“

Stadtplaner Martin Bieberle sieht indes keine Zeitnot. Ein schneller Abriss des Westkarrees sei jedoch aus optischen Gründen wünschenswert. Ob die Fläche dann in der Zwischennutzung als Parkplatz fungieren wird, müsse noch geprüft werden. „Erst im Frühling wird der Diskurs über die Neugestaltung des Westkarrees beginnen. Mit dem Bauen wird vermutlich nicht vor Ende 2013 begonnen“, so Bieberle.

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