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Die Gärung des Biers wird am offenen Bottich geprüft.

Bürgerbräu Wächtersbach

Bier aus dem Kraftwerk

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Nachdem eine 400 Jahre alte Brauereitradition in Wächtersbach zu Ende ging, gründeten Bürger die Genossenschaft Bürgerbräu.

Mario Kühnl springt in bestimmten zeitlichen Abständen immer wieder aus seinem Bürostuhl auf, entschuldigt sich kurz mit „Ich muss nach der Temperatur sehen“ und sitzt keine Minute später wieder auf seinem Stuhl. Eine Maisch-Automatik, mit der die Temperatur in der rund 1000 Liter fassenden Sudpfanne langsam hochgefahren wird, gibt es. „Wenn ich selbst nachschaue, bin ich aber auf der sicheren Seite“, sagt der Brauereimeister. Der Geruch von warmer Gerste und Hopfen zieht durch den Raum mit seinen meterhohen Edelstahlkesseln. Dabei empfängt einen beim Betreten des Gebäudes am Wächtersbacher Messeplatz ein Holzgeruch.

Während andernorts lokales Bier in Gasthäusern oder deren Nebengebäuden gebraut wird, entsteht das „Wächtersbacher Bürgerbräu“ im Obergeschoss eines Holzhackschnitzelkraftwerks, das Strom und für weite Teile der Stadt Fernwärme liefert. „Unser Bier wird klimaneutral hergestellt“, sagt Kühnl. Obendrein erhält die Kleinbrauerei Heißwasser und Strom kostenlos, bemerkt er. Das kann einen kleinen preislicher Wettbewerbsvorteil bedeuten, jedoch dürfte der bei den auf besondere Qualität Wert legenden Bierkennern nicht im Mittelpunkt stehen. Beim Bürgerbräu haben nicht nur die Kleinmengen ihren Preis, sondern auch die Zutaten. „Wir beziehen nur Gerste und Hopfen aus biologischem Anbau“, sagt der 30-Jährige, der seit Mai für die Bierproduktion im Kraftwerk verantwortlich ist.

Dass Kühnl, der aus Meerholz bei Gelnhausen kommt – keiner typischen Bierregion –, in das Metier der Braukunst eingestiegen ist, verdankt er seiner Chemielehrerin. Das Thema Vergärung sei in der Praxis von einem Braumeister einer Frankfurt Großbrauerei dargestellt worden. Von da an stand Kühnls Berufswunsch fest. Bei Binding ging er in die Lehre und studierte später in Geisenheim Brauereiwesen. Bierbrauen kommt bei Kühnl einer Passion gleich. „Ich habe auch immer noch meine private Brauerei im Keller“, sagt er.

Eine starke Bindung zur Gerstensaftherstellung hatten vor gut fünf Jahren auch Wächtersbacher Bürger mit der Gründung des Bürgerbräu bewiesen. Jörg Lotz, einer der früheren Anteilsinhaber am Kraftwerk, gab die Initialzündung. Anlass war das Ende der Wächtersbacher Schloss-Brauerei nach mehr als 400 Jahren. 2008 war Schluss mit den fürstlichen Bieren. Bereits 1999 hatte das Haus Ysenburg den wirtschaftlich schlingernden Betrieb an die Würzburger Hofbräu verkauft, die ab 2001 nur noch unter dem alten Namen ihr Eigengebräu aus Unterfranken abfüllte.

Lotz und seine Mitstreiter ließen 2011 die Biertradition in der Stadt mit dem genossenschaftlich organisierten Bürgerbräu wieder aufleben. Genosse werden konnte jeder, der eine Mindesteinlage von 200 Euro vornahm.

Bis zu 600 Hektoliter im Jahr und durchgängig vier Biere werden produziert. Pils, Natur, Weizen und India Pale Ale heißen die Sorten. Im Winter kommt noch Doppelbock hinzu. Braumeister Kühnl beschreibt den Charakter seiner Biere als „hopfenbetont und mild“. Verfahren wie das Schonkochen, bei dem die Maische nicht auf 100 Grad Celsius erhitzt wird, sondern nur knapp darunter, tragen zum „vollmundigen Aroma“ bei. Überdies werden die Biere keinem Prozess unterzogen, um die Haltbarkeit zu erhöhen. „Im Vergleich zu Produkten der Großbrauereien hält unsere Flaschenfüllung nicht bis zu einem Jahr, sie sollte spätestens nach sechs Wochen getrunken sein“, sagt Kühnl.

In der Brauereigenossenschaft wird nicht nur Altes gewahrt. Mit dem India Pale Ale Craftbeer (IPA) unter dem Namen „Timber“ folgt Bürgerbräu einem Markttrend mit handwerklich nach angelsächsischer Art gebrauten Bieren, sagt Kühnl. Das IPA soll mit einer fruchtigen Note und einem sehr gut betonten Hopfenaroma, das durch Hopfenbeigabe während des Reifeprozesses entsteht, beim Kunden punkten. Allerdings enthält das einstige Bier für die lange Seereise vom Bürgerbräu mit vier Promille weniger Alkohol als ein durchschnittliches IPA, das ursprünglich aus Großbritannien beziehungsweise aus dessen einstiger Kolonie Indien kam.

Kühnl bemerkt, dass für Bürgerbräu-Kunden der einzigartige Genuss im Vordergrund steht. Großbrauereien näherten sich bei ihren Massenprodukten geschmacklich immer stärker an. Das sei mit ein Grund für den seit Jahren anhaltenden rückläufigen Bierkonsum hierzulande. „Die Leute wollen einfach kein Einheitsbier mehr trinken“, sagt Mario Kühnl.

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